„Weil es besser knallt“

Es stand bisher nirgendwo in einem Interview und schon gar nicht in Wikipedia: Ich bin Bayer, Verzeihung, Franke. Diese Tatsache hat mich zehn Jahre lang mit jedem Schulzeugnis in der Schweiz begleitet. Bürgerort: Bamberg.

Umso wichtiger ist, dass wir die aktuellen Debatten leidenschaftlich führen und all den unwissenschaftlichen Stuss von ganz Rechts bis ganz Grün benennen.

Jörg Kachelmann

In der Schweiz wird der Bürgerort, der von Generation zu Generation weitergegeben wird, immer vermerkt. Er ist der finale Anlaufort für jeden Schweizer, wenn man „armegnössig“ wird oder sonst nicht mehr weiterweiß. Da ich das als kleiner Deutscher nicht hatte, wurde einfach der Geburtsort des Vaters reingeschrieben, wo ja die Kachelmanns irgendwie auch alle mal herkamen. Inzwischen bin ich Schweizer und unser Sohn wird meinen im Spätherbst 1976 verliehenen Schweizer Bürgerort Schaffhausen weitertragen. Als letzte Amtshandlung in technisch bayerischer Funktion habe ich als Auslandsdeutscher 1976 mit Erst- und Zweitstimme die SPD in den Bundestag gewählt. Da müssen wir nun alle stark sein. Immerhin konnte ich 1980 schon nicht mehr wählen, ich besitze aber – horribile dictu – einen „Stoppt Strauß“-Anstecker meines Vaters.

Mir ist Franz Josef Strauß zum ersten Mal in den späten 1960ern aufgefallen. Ab der 2. oder 3. Klasse hatte es sich mit dem Besitz des ersten Fernsehers eingebürgert, dass ich nach der Vormittagsschule in der Mittagspause Bundestagsdebatten anschauen und an solchen Tagen auch begleitend Mittagessen durfte, um nichts zu verpassen. In all diesen spannenden Jahren hinein in die 70er war ich sicher, Politiker werden zu wollen. Die Vorfreude, wenn der Abgeordnete Wehner auf den Abgeordneten Strauß folgte und umgekehrt, ist unvergesslich. Ich habe damals gelernt, dass Reden wichtig ist. Mein Wille zum gepflegten und intellektuell anspruchsvollen Beleidigen politischer Gegner stammt aus jener Zeit und ich versuche auch heute, den Diskurs auf Twitter im Sinne der beiden prächtigen Kontrahenten von damals zu führen.

Leidenschaft und Stuss

Ich vermisse Herbert Wehner. Ich vermisse Franz Josef Strauß. Ich wünschte, dass beide heute noch da wären, viel Elend von heute in der Parteienlandschaft wäre uns erspart geblieben, wenn weiterhin leidenschaftliche Politiker politische Debatten ferro ignique geführt hätten. Zu lange ist zu vielen zuviel egal geworden und so wurden Nattern am Busen des Ungefähren gezüchtet – verzeihen Sie das griechisch-römische Formulieren, aber ich ahne, dass der todgeweihte „Bayernkurier“ ein zwar überaltertes, aber intellektuelles Publikum hat.

Umso wichtiger ist, dass wir die aktuellen Debatten leidenschaftlich führen und all den unwissenschaftlichen Stuss von ganz Rechts bis ganz Grün benennen. Ja, es gibt einen Klimawandel. Es ist kein Argument, dass es früher auch schon mal warm war. Entscheidend ist, dass alles in sehr kurzer Zeit stattfindet, dass es keinen anderen Grund gibt als das, was wir tun: Wir veranstalten ein großes Experiment mit der Atmosphäre mit ungewissem Ausgang. Die Wissenschaft weiß seit Jahrzehnten, dass eine Erwärmung stattfinden muss, und sie findet statt. Da müssen Sie durch, ältere „Bayernkurier“-Leser, die Sie womöglich zweifeln. Für FJS waren die Naturwissenschaften ein hohes Gut und ich bin sicher, dass er keinen Zweifel gehabt hätte, dass es einen menschgemachten Klimawandel gibt.

Lügen, dass sich die Balken biegen

Dass seit gut einem Jahr der Klimawandel politisch und gesellschaftlich Furore macht, hat wie immer im Leben Gutes und Böses hervorgebracht. Gut ist, dass sich Menschen mehr als früher für die Umwelt interessieren und fränkische Landsleute sich vermehrt um Bienen kümmern. Obwohl man das gar nicht so erwartet hätte vor wenigen Jahren. Zum Bösen gehört, dass zum Klimathema gelogen wird, dass sich die Balken biegen, weil es gerade ins persönliche oder politische Süppchen passt.

Nein, es ist nicht der Klimawandel, wenn es ein paar Waldbrände gibt, nein, es ist nicht ‚die Hitze‘, die Flüsse und Felder trocken macht.

Jörg Kachelmann

Als Schweizer mit fränkischen Wurzeln ist seit jeher beklagenswert, dass eine gewisse Neigung zur Hysterie existiert, wenn es in Deutschland um die angebliche Bedrohung durch Weltuntergänge aller Art geht. Das hat historisch dazu geführt, dass furchtbare Dinge passierten. Heute ist zum Glück zwar nichts mit damals vergleichbar, aber trotzdem ist die Abkehr von rationalem Denken und Handeln jederzeit zu beklagen.

Dass ein Selbstbereicherungsverein wie die Umwelthilfe unter dem schmuddeligen Deckmäntelchen der Gemeinnützigkeit deutsche Umweltpolitik bestimmt und mit Lobbylügen erfolgreich ist, bekümmert mich jeden Tag. Dass ausgerechnet in Deutschland ein potsdämliches Klimafolgen-Institut beheimatet ist, in dem es zwar durchaus seriöse Forschung gibt, aber dessen hysterischster und wissenschaftsfernster Lautsprecher nicht nur fälschlicherweise da­ran glaubt, dass aus Glasscherben Waldbrände entstehen, sondern offenbar auch beratend zuständig zeichnet, dass Frau Thunberg so sehr wütend sein muss, muss mehr als bekümmern. Anderswo in der Wissenschaft als „The crazy Germans“ bekannt, gefallen sich die Potsdamer als die Propheten des unmittelbar bevorstehenden Weltuntergangs.

Das ist schwer zu verstehen, weil so Menschen in ihren Bemühungen, sich umweltgerecht zu verhalten, eher gelähmt werden – wenn eh schon alles vorbei ist, warum noch was ändern? Und manche Städter werden sich sagen, wenn sie nichts mit der Landwirtschaft zu tun haben: Wenn jetzt alle Sommer so sind wie zuletzt, dann soll’s recht sein. Dann halt immer Siegsdorf-Höll statt Siena.

Deswegen wäre es so wichtig, wenn sich auch die sehr grüne Seite der Verantwortung bewusst würde, die man trägt, wenn man erfolgreich ist. Nein, es ist nicht der Klimawandel, wenn es ein paar Waldbrände gibt, nein, es ist nicht „die Hitze“, die Flüsse und Felder trocken macht. Es ist der verzweifelte und wissenschaftlich völlig falsche Versuch, nun alles Wetter dem Klimawandel unterzuschieben. Man sieht deutlich einen signifikanten Anstieg der Temperaturen, aber trotz der letzten zwei Jahre (noch) keinen signifikanten Anstieg der Dürreereignisse.

Holzöfen für Großkopferte

Da die Wählerstimmen jetzt gewonnen werden sollen, werden wissenschaftlich durchaus vertretbare Vorhersagen für die Zukunft flugs in die Gegenwart umgelogen, weil es besser knallt. Die mediale Verbreitung des Unfugs in einer Zeit, in der in den meisten Bundesländern naturwissenschaftliche Schulbildung weitgehend abgeschafft wurde, ist den Scharlatanen gewiss.

So glauben Teile der sturzbetroffenen Bevölkerung inzwischen ernsthaft, dass Sommerhitze Wälder entzünden würde. Nein, es braucht dafür immer noch 200–250 Grad – und am wichtigsten: mehrere Wochen Trockenheit und einen Deppen, der ihn anzündet. Es gibt auch nicht mehr Waldbrände als früher. Es gibt keine geheimnisvolle Mittagshitze, die uns alle umbringt, die Höchsttemperaturen werden an einem sonnigen Sommertag in Wahrheit gegen 18 Uhr gemessen.

Die gesammelten desinformierenden Unwissenschaftlichkeiten treffen auf eine traurige Mediensituation.

Jörg Kachelmann

Feinstaub- und andere Dreckluft-Überschreitungen gibt es fast ausschließlich nicht wegen des Verkehrs, sondern wegen der Großkopferten-Holzöfen, die sich zuletzt in dicht besiedelten Gebieten vervielfacht haben, weil Wahnsinnige behaupten, sie seien „ökologisch“. Damit ich nicht mehr vom führenden Koalitionspartner lesen muss, dass „Holz immer gesund“ sei, will ich der CSU wieder die absolute Mehrheit wünschen. Achten Sie mal selber darauf: Es stinkt wieder abends und nachts in Bayern. Sie riechen schnell, warum.

Die gesammelten desinformierenden Unwissenschaftlichkeiten treffen auf eine traurige Mediensituation, in der klickschlampesker Erfolg wichtiger ist als geringste Restwassermengen von Seriosität. Dumm klickt gut. Weshalb wir nur noch wahlweise lesen dürfen, dass der Winter rekordwarm oder rekordkalt würde und beide Varianten werden natürlich dem Klimawandel zugeschrieben, was genauso völliger Blödsinn ist wie die Aussage selbst. Aber das ist dem „Focus“, dem „Merkur“ oder der „Süddeutschen“ völlig wurscht. Geschrieben wird’s trotzdem, weil’s gut läuft mit dem Schwachsinn.

Ausgerechnet jetzt, wo er wichtig hätte werden können, sich emanzipierend von den fröhlichen Kampfblattzeiten („Sozialisten hoassns, Kommunisten sans“, Grüß Dich Wolfgang* ;-), wird der „Bayernkurier“ eingestellt. Ich hätte Abonnent werden sollen, ich Depp. Ich werde ihn vermissen, und das als wüstgläubiger Soz. Obwohl, wählen wollt ich die auch nicht mehr.

Der Autor

Jörg Kachelmann (61) ist Meteorologe, Unternehmer und u.a. auf www.kachelmannwetter.com sowie Freitagabend um 22 Uhr im MDR zu sehen.

*Anm.d.Red.: Wolfgang Gröbl, Staats­sekretär und Landrat a.D.

Der Beitrag „Weil es besser knallt“ erschien zuerst auf Bayernkurier.

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