Märchen für den Mainstream

Wenn Konservative den guten alten Zeiten nachtrauern, können sie damit kaum die Medien meinen. Die Meinungsmacher in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, bei „Spiegel“, „Zeit“ oder „Stern“ betrachteten die Welt schon immer aus linker Perspektive. Mit einem Unterschied: Früher versuchten zumindest ARD und ZDF, den Anschein von politischer Neutralität und Ausgewogenheit zu erwecken. Heute macht man sich in den Funkhäusern kaum noch die Mühe, die eigene links-grüne Schlagseite zu kaschieren.

Ein Paradebeispiel für diese öffentlich-rechtliche Parteilichkeit lieferte Anne Will am Sonntag nach den Klima-Beschlüssen der Großen Koalition. In ihrer Sendung standen einem Angeklagten, nämlich Wirtschaftsminister Peter Altmaier, gleich vier Ankläger gegenüber: die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock, die Wissenschaftler Claudia Kempfert vom SPD-nahen DIW sowie Ottmar Edenhofer (Potsdam-Institut für Klimafolgeforschung) und der stellvertretende „Zeit“-Chefredakteur Bernd Ulrich, dessen Blatt längst zum offiziösen Zentralorgan der Grünen mutiert ist. Die Moderatorin präsentierte sich als Sekundantin derer, die das schwarz-rote Klimapaket mit grünem Furor zu zerfetzen suchten. Die Schlachtordnung war also klar: ein Böser gegen vier Gute.

Journalisten als Missionare

Man darf von einer Sendung nicht auf alle öffentlich-rechtlichen Programme schließen. Doch diese „Anne Will“-Runde fügte sich harmonisch ein ins Gesamtbild. Die tonangebenden Journalisten in diesen Anstalten verstehen sich nicht als Berichterstatter, Erklärer oder Kommentatoren. Sie sehen sich eher als politische Missionare, als Überzeugungstäter, als Gesinnungsjournalisten. Das eigene Sendungsbewusstsein führt zu bewusst einseitigen Sendungen. Ein politisch einseitiges Programm wiederum sorgt beim Publikum ebenfalls für eine politische Schlagseite.

Ohne Trennung von Nachricht und Kommentar haftet jedem Bericht etwas Manipulatives an.

Hugo Müller-Vogg

Dies legt eine Untersuchung des Reuters Institute der Universität Oxford nahe. Die Wissenschaftler haben die Resonanz von öffentlich-rechtlichen Sendern in acht europäischen Staaten verglichen. In den meisten Ländern war die politische Zusammensetzung von Zuschauern und Zuhörern ausgewogen. Nicht so bei ARD und ZDF. Bei deren Zuschauern ermittelten die Medienforscher eine linke Tendenz. In Zahlen: 40 Prozent verorten sich als leicht links oder links von der Mitte, aber nur 26 Prozent als leicht rechts oder rechts von der Mitte. 34 Prozent bilden nach eigener Einschätzung die Mitte.

Programm für Alt-68er

Die Programmmacher bei ZDF und ARD können also da­rauf verweisen, dass links-grüne Sendungen bei der relativ größten Publikumsgruppe ankommen. Allerdings geht die Zahl der Zuschauer und Zuhörer ständig zurück. Ein wachsender Teil des potenziellen Publikums wendet sich ab oder wird – gerade bei den Jüngeren – von ARD und ZDF gar nicht mehr erreicht. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten treffen mit ihrer politischen Einseitigkeit also den Geschmack von Akademikern und Halbakademikern aus der Altersgruppe 60 plus. Ihr Programm erfreut die Alt-Achtundsechziger und ihre politisch entsprechend sozialisierten Nachkommen. Die Klebers, Hayalis, Restles, Reschkes und Hassels predigen in immer leerer werdenden Kirchen, aber ihre verbleibende Gemeinde ist umso begeisterter.

Wir leben in einer vielfältigen Medienwelt. Die Behauptungen der „Lügenpresse“-Fraktion, Zeitungen und Sender würden von der Regierung zentral gesteuert, sind blühender Unsinn. Gleichwohl gibt es eine Art mentale Gleichschaltung – im Rundfunk wie bei Print, bei den Öffentlich-Rechtlichen wie bei den Privaten. Es ist das Diktat der „Political Correctness“. Dazu bedarf es nicht eines „Bundesamts für Politische Korrektheit (BAPK)“, das festlegt, was gesagt werden darf, ohne als anstößig gebrandmarkt zu werden. Dazu reicht es, wenn die Journalisten, die sich selbst zu mehr als zwei Dritteln als links von der Mitte einordnen, sich über Korrektes und Unkorrektes, über Erwünschtes und Unerwünschtes einig sind.

Verständnis für Linksradikale

Diesen breiten Konsens gibt es. Er umfasst – um einige Beispiele zu nennen – erhebliche Zweifel an einer marktwirtschaftlichen Ordnung wie am Leistungsprinzip, die uneingeschränkte Bejahung von mehr Umverteilung, die Gleichsetzung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit, größtmögliche Toleranz gegenüber allem, was nicht traditionellen Normen und Werten entspricht, eine gewisse Technikfeindlichkeit, die grundsätzlich positive Bewertung unbeschränkter Zuwanderung, eine ausgeprägte Skepsis gegenüber Militärischem, eine Äquidistanz gegenüber Moskau wie Washington, die scharfe Ausgrenzung von Rechtsradikalen und Rechtsextremen bei einer milderen Betrachtung von linksradikalen und linksex­tremistischen Aktivitäten, ein gewisses Verständnis für „Gewalt gegen Sachen“ und eine latente Skepsis gegenüber besonders Erfolgreichen und Reichen. Das reicht bis in den Bereich der Comedy. Witze über den Papst, Konservative oder „Nur-Hausfrauen“ sind erlaubt, solche über sexuelle Minderheiten oder Muslime grundsätzlich nicht.

Wenn Journalisten sich aber eher als politische Akteure verstehen denn als Berichterstatter, sinkt der Stellenwert der Nachricht.

Hugo Müller-Vogg

Die Medien haben in erster Linie zu berichten, was geschieht. Zugleich ist es ihre Aufgabe, das Geschehen einzuordnen und zu bewerten. Deshalb galt einmal das Prinzip der strikten Trennung von Nachricht und Kommentar – beim Gedruckten noch mehr als beim Gesendeten. Wenn Journalisten sich aber eher als politische Akteure verstehen denn als Berichterstatter, sinkt der Stellenwert der Nachricht. Es gibt – selbst in seriösen Zeitungen – kaum noch Nachrichten pur. Nachrichten werden sehr oft interpretiert, mit einer Meinung unterlegt, aus einem bestimmten Blickwinkel präsentiert. Wenn die Moderatoren in den „Tagesthemen“ oder im „heute journal“ einen Kommentar ankündigen, dann ist das ein Widerspruch in sich. Schließlich ist jede Ausgabe dieser „Informationssendungen“ eine einzige Abfolge von Kommentaren.

Das Umfeld für Relotius

Ohne Trennung von Nachricht und Kommentar haftet jedem Bericht etwas Manipulatives an. Dieser neue journalistische Stil führte zu Claas Relotius, dem einstigen Star-Autor des „Spiegels“ und anderer Blätter. Dessen frei erfundenen Reportagen wären nie gedruckt worden, wenn sich der Autor nicht stets im Bereich des politisch Erwünschten bewegt hätte. Das Märchen von wild gewordenen Trump-Fans, die als Hobby-Soldaten an der mexikanischen Grenze auf Flüchtlinge schießen, wurde gedruckt, weil sie ins Amerikabild der „Spiegel“-Redaktion passte. Mit einem frei erfundenen Rührstück aus dem amerikanischen Rostgürtel über eine alleinerziehende Mutter von zwei behinderten Kindern, die dank der Trump‘schen Wirtschaftspolitik endlich einen Arbeitsplatz gefunden hat, wäre Relotius nie und nimmer ins Blatt gekommen.

Links klingt freundlicher als linksradikal und Aktivist harmloser als Gewalttäter.

Hugo Müller-Vogg

„Sagen, was ist“ (Rudolf Augstein) setzt den richtigen Umgang mit der Sprache voraus. Wenn journalistische Missionare jedoch nach dem Motto „sagen, was sein soll“ agieren, wird mit Worten Politik gemacht. Das jüngste Beispiel für eine „politisch-korrekte“ Wortwahl ist der Begriff „Streik“ für die freitäglichen Schülerdemonstrationen. Schüler können gar nicht streiken. Sie haben keinen Arbeitgeber und sind gesetzlich zur Teilnahme am Unterricht verpflichtet. Indem die Medien auf die Arbeitskampf-Terminologie zurückgreifen, adeln sie das politisch motivierte Fernbleiben. Denn Streik ist grundsätzlich positiv besetzt. Da wehren sich Arbeitnehmer gegen Bosse und haben dabei das Grundgesetz auf ihrer Seite. So sorgen die Medien für ein Klima, das selbst den Bundespräsidenten oder die Bundeskanzlerin veranlasst, die „Streikenden“ in höchsten Tönen zu loben.

Die Sprachpolitik der Medien zeigt sich ebenfalls beim Thema politische Gewalt. Wenn Rechtsradikale jüdische Einrichtungen schänden, Ausländern Gewalt antun oder Flüchtlingsheime anzünden, dann ist – völlig zu Recht – von rechtsradikaler Gewalt oder rechtsextremistischen Tätern die Rede. Wenn Linksradikale im Zeichen des Antifaschismus, des Antikapitalismus oder der Klimarettung Häuser oder Wälder besetzen, Autos anzünden oder mit brutaler Gewalt gegen Polizisten vorgehen, werden die Täter häufig als „linke Aktivisten“ bezeichnet. Links klingt ja auch freundlicher als linksradikal und Aktivist harmloser als Gewalttäter.

Das „Wording“ als Waffe

Ist in den Medien von „links“ und „rechts“ die Rede, dann nur selten im Sinn der hergebrachten Einteilung des politischen Spektrums. Links wird stets in klarer Abgrenzung von linksradikal verwendet – und das aus gutem Grund. Bei „rechts“ gehen ARD, ZDF und die meisten Zeitungen nicht so differenziert vor. Wenn die politische Linke die Rechtsradikalen und Rechtsextremisten bekämpft, dann spricht sie stets vom „Kampf gegen rechts“. Denn bekämpft werden soll alles, was nicht links ist – eben nicht nur Rechtsextreme, Neonazis oder die AfD. Eingeschlossen werden dabei stets Konservative, CSU und Teile der CDU. Das fördert das gewünschte Feindbild: linke Demokraten gegen die „Nazis“ und ihre Sympathisanten. Diese Klassifizierung wird von den meisten Medien übernommen.

Im medial beförderten Willkommensrausch gibt es längst keine Asylbewerber mehr, sondern nur noch Flüchtlinge, inzwischen vielfach durch Geflüchtete oder Schutzsuchende abgelöst.

Hugo Müller-Vogg

Das „Wording“ wird auch im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Zuwanderung als politische Waffe eingesetzt. Die frühere Bezeichnung „Asylanten“ ist schon lange vor 2015 durch „Asylsuchende“ ersetzt worden. Im medial beförderten Willkommensrausch gibt es längst keine Asylbewerber mehr, sondern nur noch Flüchtlinge, inzwischen vielfach durch Geflüchtete oder Schutzsuchende abgelöst. Asylbewerber ist nach Absicht der Gralshüter der „Political Correct­ness“ als Bezeichnung ungeeignet, weil der Wortteil „Bewerber“ impliziert, dass die Bewerbung auch abgelehnt werden kann. Bei Geflüchteten denken Gutmenschen nicht mehr an Prüfung und mögliche Zurückweisung, sondern nur noch an die moralische Verpflichtung zur Hilfe. Für Schutzsuchende gilt: Einer, der Schutz sucht, verdient eher Hilfe als jemand, der sich um etwas bewirbt. Dabei geht völlig unter, dass sich unter den Flüchtlingen/Schutzsuchenden/Geflüchteten illegale Migranten befinden, die sich bewusst Leistungen erschleichen oder gar keinen Asylgrund haben.

Die Mehrheit bleibt außen vor

Zweifellos hat der Gesinnungsjournalismus die Überhand gegenüber dem Nachrichten- und Bewertungs-Journalismus gewonnen. Eine mediale Elite schreibt und sendet für eine  links-liberale, grüne Minderheit. Medial abgehängt bleiben indes die Normalbürger. Das sind Durchschnittsverdiener ohne ausgeprägte ideologische oder religiöse Bindungen. Diese Bürger zählen sich nicht zu einer spezifischen Minderheit, denken nicht immer politisch korrekt und erwarten von ihrer Regierung keine Kunststücke, sondern solides, effizientes Management. Aus der Sicht der medialen Elite ist diese relative Mehrheit ein ziemlich aussichtloser Fall. Diese „Normalos“ wiederum halten von den Medien nicht mehr viel. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen sie zwangsweise finanzieren, schalten sie aber immer seltener ein. Die Zeitungen bestellen sie ab. Es ist eine Abstimmung – mit den Augen und den Ohren.

Hugo Müller-Vogg ist Journalist und Publizist. Er war lange Jahre Mitherausgeber der FAZ.

Der Beitrag Märchen für den Mainstream erschien zuerst auf Bayernkurier.

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