An Gesundheits-App a day keeps the doctor away!

Von Michal Kornblum | Als ich vor kurzem abends noch in den sozialen Medien unterwegs war, stolperte ich über einen Post von Jens Spahn. In einem kurzen Video erklärt unser Gesundheitsminister mit einem süßen Lächeln, welches vermutlich schon vom bloßen Zuschauen zu Überzuckerung führt, das kürzlich im Bundestag verabschiedete „Digitale-Versorgung-Gesetz“ und den praktischen Nutzen für jeden Bürger. Die zuerst erwähnte Änderung: Künftig sollen Ärzte Apps per Rezept verschreiben! Wer jetzt denkt, er könnte sich bald die Vollversion seiner Lieblingsapp auf Kosten der Krankenkasse herunterladen – immerhin rauben einem die ständigen Werbeanzeigen den letzten Nerv – liegt leider falsch. Laut Spahn sollen nur auserwählte Gesundheitsapps, die nachweislich und messbar die Gesundheit von Patienten verbessern bald genauso wie Medikamente von Ärzten verschrieben und von den Krankenkassen übernommen werden. Ein Verfahren, dass genau diese messbare und nachweisliche Wirkung der Apps überprüft gibt es unserem Gesundheitsminister zu Folge noch nicht. Es werden nun Kriterien aufgestellt, um genau dies zu untersuchen, welche Apps verschreibungswürdig sind. Ein weltweit innovatives Projekt, kein anderes Land hat bisher etwas Vergleichbares. Gerade Deutschland ist zweifelsohne in Anbetracht des Hochleistungsinternets hier vor Ort ein ausgezeichneter Kandidat für eine technische Vorreiterrolle. Ob es bald wohl auch verschreibungspflichtige Apps gibt? Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Softwareentwickler. 

Weiterhin erzählt Herr Spahn, dass diese Apps in Zukunft bei Migräne, psychischen Erkrankungen und Diabetes helfen sollen. Ich denke, dass jede Person, die ihre Erkrankung mittels einer App tracken will, dies bereits tut, während durch die „App auf Rezept“ jeder Patient zum Smartphone-Nutzer werden muss. Gerade für viele ältere Menschen ist die neue Technik ein Buch mit sieben Siegeln und ein Smartphone finanziell nicht immer erschwinglich, ob da wohl auch die Krankenkasse für aufkommt? 

Ich befürchte, dass was zunächst wie ein Bonus für den Bürger und ein Mehr an Leistung aussehen soll, sich als „stattdessen“ und nicht als „zusätzlich zu“ entpuppen wird. Wer in Zukunft eine Psychotherapie bräuchte, könnte stattdessen mit einer „stay positive“-App inklusive persönlichem digitalem Coach ausgerüstet werden. Das ist nicht nur kostensparend, sondern löst das Problem der langen Wartezeiten für eine Behandlung quasi auch von alleine. 

Aber wie vertrauenswürdig wirkt eine Medizin, die Apps verschreibt? Da wird sich der ein oder andere denken, dass man dann auch gleich Dr. Google fragen kann. 

Wenn es soweit ist und die „App auf Rezept“ an den Verbraucher verteilt werden soll, schlage ich vor, dass sie zuallererst den Bundestagsabgeordneten zur Verfügung gestellt wird, damit sie besser mit den gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen im Bundestag, welche kürzlich u.a. von Herrn Lauterbach eindrücklich geschildert wurde, umgehen können.

Außerdem sollen laut Spahn Online-Sprechstunden, also digitale Videosprechstunden, etabliert werden. Auch dies wird selbstverständlich als Verbesserung für den Patienten beworben. Ich bin immer offen für angebrachten technischen Fortschritt, aber ist es nicht genau der persönliche Kontakt, der die Qualität einer ärztlichen Behandlung ausmacht? Wie zuverlässig ist Ferndiagnose, die über ein Video gestellt wurde, möglicherweise bei einer Person, die man noch nie getroffen hat? Aber die Abrechnungskennziffer ist laut Gesundheitsminister schon eingeführt worden. Na das ist ja auch die Hauptsache!

Die weiteren Änderungen wie die elektronische Patientenakte sowie die Weitergabe der Patientendaten für Forschungszwecke haben in der letzten Zeit für einige Aufregung gesorgt. 

Die Digitalisierung der Medizin sowie die datenschutzrechtlichen Aspekte sind Themen, die man diskutieren kann. Jedoch wirkt es wie ein absoluter Nebenschauplatz, wenn man sich die erschreckenden Folgen des Pflegekräftemangels ansieht. Überforderte Pflegekräfte, die mit einer fahrlässig hohen Anzahl an Patienten oder Bewohnern in beispielweise Pflegeeinrichtungen auf sich allein gestellt sind, sind genauso ein Armutszeugnis unserer Politik wie die Bewohner genau dieser Einrichtungen, die Deutschland damals nach dem Krieg mit harter Arbeit wieder aufgebaut haben, und nun in menschenunwürdigen Zuständen dort alleine vor sich her vegetieren. Nähere Ausführungen dieser Zustände erspare ich mir, denn sie sollten inzwischen auch allgemein bekannt sein.

Und dann gibt es unter anderem auf dem Internetauftritt des Bundesgesundheitsministeriums immer diese schönen Fotos, auf denen eine Pflegekraft mit einem Senior Gesellschaftsspiele spielt, ihm ein Kuscheltier bringt oder einen ausgiebigen Spaziergang macht. Das ist purer Zynismus! Solche Szenen spielen sich wohl kaum in einer durchschnittlichen Einrichtung in Deutschland ab, wo man inzwischen existenzielle Nöte vor Augen hat. 

Aber auch bei den Kleinsten unserer Gesellschaft ist der Pflegenotstand schon angekommen. Es fehlen an jeder Ecke Kinderkrankenpfleger, die mit besonderen Spezialisierungen sind kaum noch zu bekommen. Auch der Ärztemangel ist gerade in ländlichen Gebieten schon weit verbreitet. Viele Ärzte auf dem Land finden keine Nachfolger und können nicht in den Ruhestand gehen. Einige Bundesländer steuern mit meiner Meinung nach ethisch und juristisch sehr fragwürdigen Knebelverträgen dagegen, bei denen sich Studienanfänger für viele Jahre verpflichten im ländlichen Raum tätig zu sein, ansonsten bestehen Regressansprüche im 6-stelligen Bereich. Jedoch ist ebenfalls im urbanen Raum ein Ärztemangel absehbar und zu erwarten, sobald die Babyboomer-Generation in den Ruhestand geht. 

Eine gruselige Zukunftsaussicht für unser Gesundheitswesen. Zum Glück ist nun also der gesetzliche Weg für die „App auf Rezept“ geebnet, so dass sich unsere aktuellen Politiker im Alter von der digitalen Pflegekraft per App aus der vollen Windel befreien lassen können. 

• Weiterlesen •