Alle Mauern sind gleich, oder: Die unfassbare Verharmlosung der DDR

Von Manuel Freund | Samstag war 30-jähriges Jubiläum des Mauerfalls, für jeden Deutschen einer der wichtigsten Tage in der deutschen Geschichte. Jörg Waschescio – ein selbst ernannter Aktivist von „Initiative Offene Gesellschaft“ – hat sich hierfür unter medialem Beifall etwas ganz Witziges überlegt. Er hat ein Stück der Berliner Mauer über den Atlantik nach Washington D.C. transportiert und wollte es am 9. November am Weißen Haus Donald Trump als Geschenk überreichen. Wäre die Aktion ernst gemeint, dann wäre das sehr durchdacht und ein richtiges Zeichen. Man würde sich im Namen ganz Deutschlands bei den USA dafür bedanken, dass viele US-Bürger entscheidend mitgeholfen haben, die Berliner Mauer zu stürzen.

Aber nein, Waschescio hat in Geschichte nicht aufgepasst und benutzt die Idee des Mauerstücks als Geschenk, um zu provozieren. Denn er hat das Mauerstück mit einem Text – direkt an Trump gerichtet – versehen. In diesem steht zusammengefasst, dass die Mauer in Berlin Freunde und Familie gespaltet habe und nicht nur Berlin und Deutschland, sondern die ganze Welt geteilt habe. Viele US-Präsidenten hätten sich für den Sturz der Mauer eingesetzt und eben dieses Stück der Mauer solle ein Zeichen an die USA sein, eine Welt ohne Mauern zu bauen.

Natürlich soll das eine Anspielung an die Mauer sein, die Trump vor hat, an der südlichen Grenze zu Mexiko zu bauen. Waschescio vergleicht hier zwei essenziell verschiedene Mauern mit essenziell verschiedenen Absichten und dementsprechend auch mit essenziell anderen Funktionen. Die DDR hat eine Mauer gebaut, weil keiner mehr in der DDR leben wollte. Trump baut eine Mauer weil jeder in den USA leben will.

Die Berliner Mauer war nicht einfach nur eine Mauer, sie war ein ganzes System. Die „Mauer“ selbst bestand aus einer Reihe Geräten und Apparaturen und wurde regelmäßig aufgestockt. Diverse Mauern und Zäune, Fahrzeugsperren und Unterkriechschutz aus Betonelementen verhinderten das Fliehen an sich. Jedoch blieb es nicht bei diesen harmlosen Apparaturen. Schnell kamen Stacheldraht und elektrische Zäune hinzu. Die Zahl der Wachtürme stieg und die Wachen wurden immer besser bewaffnet. Insgesamt sind durch die Mauer mindestens 140 Menschen ums Leben gekommen und etliche Weitere schwer verletzt. Und das ist nur eine Art der DDR gewesen, die Bürger festzuhalten.

Trumps Mauer hingegen beschäftigt sich mit einer ganz anderen Problematik. Diese Mauer soll verhindern, dass massenhaft illegale Einwanderer in die USA kommen. Dementsprechend ist die Mauer auch weitaus weniger brutal. Es sollen nur einige Pfähle mit stacheln an der Grenze aufgestellt werden. Zusätzlich gibt es eine Straße direkt an der Grenze. Auf dieser patrouillieren Soldaten in Geländewagen und bringen Flüchtlinge, die die Grenze illegal überqueren, wieder zurück. Das ist eine vollkommen legitime Herangehensweise, das existente Problem der illegalen Einwanderung in die USA einzudämmen.

Doch nicht nur die Mauern sind komplett unterschiedlich, sondern auch der Fluchtgrund, beziehungsweise die Ausgangssituation der Flüchtlinge. Die DDR war ein Regime, in dem Menschenrechte mit Füßen getreten wurden. Selten in der Geschichte wurden Menschen so stark überwacht wie in der DDR. Immerhin war die Stasi das im Verhältnis zur Einwohnerzahl größte Überwachungsorgan aller Zeiten. Es gab vermutlich nur eine Hand voll Menschen, die nicht irgendwo in ihrem näheren Umfeld zumindest einen inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi hatten. Zudem herrschte durch die Planwirtschaft teilweise über lange Zeit hinweg flächendeckende Unterversorgung.

Sein Ziel war es, Trumps Mauer zu verspotten und zu provozieren. Der Preis, den er dafür bereit war zu zahlen: Die Verharmlosung eines der schrecklichsten Regimes in der Geschichte der Menschheit. Sich dann auch noch hinzustellen und so tun als würde man sich wundern, warum Trump das Stück Mauer nicht annimmt, obwohl er an dem Tag den Mauerfall als „historisches Lehrbeispiel“ bezeichnet hat, ist lächerlich.

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