Kein anderes Datum bündelt Licht und Schatten deutscher Geschichte: Schicksalstag 9. November

Er ist der »deutscheste« aller Tage des Jahres: Wenn wir am 9. November auf unsere Geschichte zurückblicken, lassen wir Sternstunden nationalen Glücksgefühls, aber auch die dunkelsten Kapitel Revue passieren. Kein anderer Tag verdichtet deutsche Geschichte so sehr wie der 9. November.

Der glücklichste 9. November in der Geschichte der Deutschen: Die innerdeutsche Grenze ist überwunden

In diesem Jahr steht am 9.November der Berliner Mauerfall vor 30 Jahren im Mittelpunkt des Gedenkens. Es war der Tag, an dem die DDR stillstand:

► Endlich einmal eine geglückte und dazu noch friedliche Revolution – der glücklichste 9. November in der Geschichte der Deutschen. Weil die Ostdeutschen an diesem 9. November 1989 den Weg zur Wiedervereinigung bereiteten, stand dieser Gedenktag zeitweilig sogar als Nationalfeiertag des vereinigten Deutschlands zur Diskussion an Stelle des willkürlichen 3. Oktober, einem künstlichen Datum, das Kanzleramtsbürokraten erfunden hatten.

Ost-Berliner werden von West-Berlinern jubelnd begrüßt: Die Deutschen sind auf dem Weg zur Wiedervereinigung

Doch der 9. November war zugleich (und wird es immer bleiben) ein Tag der nationalen Schande. Ein unbelasteter Nationalfeiertag hätte daraus nie werden können. Der 9. November markiert auch eine der dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte, den endgültigen Absturz einer Kulturnation in die Barbarei:

► Am Abend des 9. November 1938 geschah in Deutschland das bis dahin größte Judenpogrom in der mitteleuropäischen Neuzeit. Mehr als 1.300 Menschen starben in der sogenannten Reichskristallnacht; mehr als 1.400 Synagogen und Gebetsräume im damaligen Deutschen Reich brannten und wurden verwüstet, 7.500 Geschäfte geplündert.

Tag der nationalen Schande: Zerstörtes Geschäft eines jüdischen Inhabers am Morgen nach dem 9. November 1938

Der 9. November 1938 war das Fanal zum Holocaust, des größten Verbrechens in der Geschichte der Menschheit überhaupt: Mehr als (zunächst) 30.000 Juden wurden in der Folge von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert.

Fahrt in den Tod: Jüdische Familien auf dem Weg ins Vernichtungslager Auschwitz

Der 9. November 1938 war ein nie da gewesener ungeheuerlicher Zivilisationsbruch: Von da an führte der Weg direkt nach Auschwitz, Bergen-Belsen, Buchenwald, Treblinka. Weil sich die Gewalt der »Reichskristallnacht« im vergangenen Jahr zum 80. Mal jährte, stand sie 2018 im Mittelpunkt von Politiker-Reden, Ausstellungen und Medienbeiträgen ein.

Doch auch diese Erinnerung traf sich mit einem anderen Moment der deutschen Geschichte, der sich zum 100. Male jährte: Es war die sogenannte Novemberrevolution, die mit der Ausrufung der Republik am 9. November 1918 in Berlin das Ende der Monarchie in Deutschland markierte.

9. November 1918: Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft die Republik aus

► Dieser Tag, an dem der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die Republik ausrief, gilt als Geburtsstunde der parlamentarischen Demokratie in Deutschland. Dennoch habe dieser Tag in der Erinnerungskultur nie den Platz gefunden, der ihm zustehe, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Tatsächlich wird die »Weimarer Republik« nur selten von ihrem Anfang her gedacht, von ihren Chancen; meistens steht ihr unrühmliches Ende 1933 mit der Machtergreifung Adolf Hitlers im Fokus der Betrachtung.

Doch es gibt weitere Ereignisse, mit denen sich der 9. November in die Geschichtsbücher geschrieben hat:

9. November 1923: Adolf Hitler (Mitte) und seine Mitverschwörer scheitern mit ihrem Aufstand gegen die Demokratie kläglich

► Am 9. November 1923 brach der sogenannte Hitler-Putsch gegen die demokratische Reichsregierung in München kläglich zusammen.

Georg Elser wollte Hitler töten: Elser wurde 1945 im KZ ermordet

 

► Am Vorabend des 9. November 1939 scheiterte der geplante Bombenanschlag des Handwerkers Georg Elser auf Hitler. Der Zweite Weltkrieg hätte vielleicht verhindert werden können.

► So gut wie verschwunden aus der deutschen Gedenkkultur ist der 9. November 1848. Die standrechtliche Hinrichtung des republikanischen Parlamentsabgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung, Robert Blum, nach dem Oktoberaufstand in Wien, bedeutete eine offene Kampfansage der Monarchie gegen das aus der bürgerlichen Märzrevolution hervorgegangene erste demokratisch gewählte gesamtdeutsche Parlament. Die Hinrichtung Blums markierte einen entscheidenden Wendepunkt: den Anfang vom Ende dieser Revolution.

 

9. November 1848: Hinrichtung des republikanischen Revolutionärs Robert Blum

FAZIT: Der 9. November ist ein deutscher Schicksalstag. An keinem anderen Datum liegen Licht und Schatten in der Geschichte des deutschen Volkes so dicht nebeneinander. (oys)

 

 

Lektüreempfehlung:

Das deutsche Datum, Der 9. November; von Wolfgang Brenner

 

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