Razzia im vatikanischen Staatssekretariat

Durchsucht wurden Büros der ersten Sektion des Staatssekretariats und der Finanzaufsicht AIF, wie Roland Juchem auf kath.net berichtete.

Ein »Steckbrief« wurde von der italienischen Zeitung L’Espresso veröffentlicht, indem der vatikanische Sicherheitschef Domenico Giani Dienstanweisung preisgibt. Fünf Personen wurden suspendiert und dürfen den Vatikan nur noch betreten, um die Gesundheitsdienste in Anspruch zu nehmen.

Das vatikanische Pressebüro reagierte lau: in einer Pressemitteilung wurde bestätigt, dass der Durchsuchungsbefehl vom vatikanischen Staatsanwalt Gian Piero Milano und seinem Stellvertreter Alessandro Diddi stammte. Anlass waren Anzeigen der Vatikanbank im Frühsommer.

Zwei Namen stechen dabei besonders in Auge: der Direktor der AIF, Tommaso di Ruzza und Erzbischof Angelo Becciu.

Di Ruzza leitete die AIF, eine von Papst em. Benedikt 2010 ins Leben gerufene Finanzinformationsbehörde, die mit der Kontrolle aller Finanztransaktionen im Staat der Vatikanstadt und der römischen Kurie beauftragt war. Die Kontrollinstanz hatte bisher den Ruf, gute Arbeit zu leisten.

Giovanni Angelo Becciu ist Präfekt für die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse, hat aber von 2011 bis 2018 im Staatssekretariat als Substitut gearbeitet. Der Substitut des Staatssekretariats gilt als »rechte Hand« des Papstes. Schon im Skandal der Malteserritter hat sich Becciu nicht mit Ruhm bekleckert.

Wer hinter der Aktion steht ist unsicher. Eine Mutmaßung ist, Gianluigi Nuzzi. Nuzzi ist ein Enthüllungsjournalist, der in den kommenden Tagen, während der Synode, sein neues Buch über den Vatikan vorstellen will.

Eine andere Mutmaßung – und eine nur teilweise Erklärung – ist anderorts zu lesen:

Für (mindestens) einige Monate haben Anwälte einige fragwürdige Transaktionen überwacht, die vom Posten des Auditor general [Rechnungshofspräsidenten] als unregelmäßig eingestuft wurden. Der Posten des Auditor general ist derzeit unbesetzt. Der letzte auditor general war Libero Milone, der 2017 zurücktreten musste. Sein Rücktritt wurde vom damaligen Erzbischof Becciu erzwungen. Milone erklärte, dass eine Jagd auf ihn begonnen wurde, nachdem er auf finanzielle Unregelmäßigkeiten gestoßen war – gegen ihn stand das Wort Beccius, der ihn der Spionage verdächtigte.

Die mögliche Erklärung könnte wie folgt lauten: Milone, dessen Arbeit es war, finanziellen Unregelmäßigkeiten auf den Grund zu gehen, wurde misstrauisch, als Unregelmäßigkeiten beim Sostituto – Becciu – zu erkenne waren. Becciu hingegen wusste von den Forschungen Milones und war erbost.

Die Razzi diese Woche deutet also auf ein mögliches Szenario hin: Milone hatte guten Grund, misstrauisch zu sein, Becciu war Teil von Hinterziehung, die er bekämpfen sollte.

Damit verliert der Vatikan einmal mehr Glaubwürdigkeit in Sachen Transparenz. Nachdem Kardinal Pell durch – vermutlich – falsche Anklage unschädlich gemacht wurde und im Gefängnis sitzt, entpuppt sich nun auch Becciu als »Gegenspieler« einer finanziellen Transparenz.

(jb)

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