Endlich mal ausschlafen

Deutschlands dienstältester Uni-Chef zieht sich zurück. Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München (TUM), tritt Ende September nach 24 Jahren ab. Die TUM hat er in seiner Amtszeit geradezu umgekrempelt, die Zahl der Studenten hat sich auf fast 40 000 verdoppelt. In internationalen Rankings spielt die Universität mit anderen Top-Hochschulen in einer Liga und in diesem Sommer hat sie zum dritten Mal den mit Fördergeldern in Millionenhöhe verbundenen Titel „Exzellenzuniversität“ verliehen bekommen.

Abgang mit Gefühl

Der 71-Jährige gibt die Leitung der TUM mit einem guten Gefühl ab, wie er am Dienstagabend in München sagte. „Ich freue mich darauf, am kommenden Dienstag ausschlafen zu können.“ Der vielfach ausgezeichnete Chemiker mit niederbayerischen Wurzeln legte als Hochschulpräsident auf zwei Aspekte ein besonderes Augenmerk: Interdisziplinarität und Internationalität. So sei es ihm wichtig gewesen, den Praxisbezug zu fördern und die Wissenschaft, seien es Betriebswirtschaftslehre oder Ingenieurswesen, mit der Wirtschaft zu verknüpfen.

Zudem öffnete er die Technische Universität für die Geisteswissenschaften. Dabei, so gab er im Gespräch lachend zu, habe er selbst als Student noch über die Sozialwissenschaftler geschmunzelt. Längst sieht er das anders: Das Zusammenwirken der Disziplinen werde dringend benötigt. Mit Begeisterung berichtet Herrmann von der Entwicklung des TUM-Standorts Singapur, wo Studenten aus Asien den deutschen Uni-Abschluss ablegen können – und dafür bereit sind, hohe Studiengebühren zu zahlen. In Singapur will er sich auch künftig noch nach Kräften einbringen. Dass an der TUM in Lehrveranstaltungen hauptsächlich Englisch gesprochen wird, hat Herrmann viel Kritik eingebracht. Jedoch sei es wichtig, die Studenten „sprachlich zu ertüchtigen“, so dass sie sich auf dem internationalen Arbeitsmarkt behaupten könnten, sagt Herrmann. Ihm wäre es auch lieber, es würde international Deutsch gesprochen, aber das sei nun einmal nicht der Fall.

Noch lieber wäre mir, an Unis würde Mittelbairisch gesprochen.

Wolfgang Herrmann, TU-Präsident

Seinem Nachfolger an der TUM, dem erfahrenen Hochschulmanager Thomas Hofmann, will der Scheidende vom Ruhestand aus jedenfalls nicht dreinreden. Aber er will da sein, wenn er gefragt werde. Gerne will er sein im Laufe der Jahre dicht geflochtenes Netzwerk an Kontakten weitergeben oder Gelder für die TUM einwerben. „Da störe ich nicht und bin etwas nützlich“, sagt er. Herrmann eilt der Ruf voraus, großes Geschick im Sammeln von Finanzmitteln zu haben. Jedoch, so stellt er klar, Einfluss auf die Hochschulpolitik dürften die Geldgeber nicht nehmen, lieber habe er auch einmal eine Spende abgelehnt.

Tiefpunkt Steuerverfahren

Einen Tiefpunkt in seiner Karriere spart Herrmann im Rückblick nicht aus: Als er vor knapp zwanzig Jahren auf dem Sprung ins Ministeramt war und kurz vor der Ernennung mit einem gegen ihn laufenden Steuerverfahren konfrontiert wurde. Verbraucherschutzminister wurde er daraufhin nicht. Das alles sei längst erledigt, findet er. Er sei froh darüber, denn TUM-Präsident wäre er dann heute wohl nicht mehr. „Wer weiß, wo ich mich rumtreiben würde.“ Zudem sei sein Sohn in die Politik gegangen, der dafür gut geeignet sei: „Der kann besser zuhören und streitet sich nicht so schnell.“

Familie und Herkunft spielen für den Professor eine wichtige Rolle. Aufgewachsen ist er mit vier Schwestern in einem Dorf bei Kelheim, sein Vater war Dorfschullehrer. Wer in heimatlichen Traditionen verankert sei, habe es auch leichter, weltoffen und tolerant zu sein, ist er überzeugt. Deswegen setzte er auch nicht nur auf den internationalen Ausbau der TUM, sondern ebenso auf den Ausbau der Standorte auf dem Lande wie in Weihenstephan und Straubing. Oder das ehemalige Zisterzienserkloster Raitenhaslach bei Burghausen: Das sei ein enormer kultureller Schatz, da könne man Geschichte atmen.

Katholik mit Familiensinn

Im katholischen Glauben ist Herrmann fest verhaftet, in seiner freien Zeit sitzt er gerne an der Kirchenorgel. Das will im Ruhestand noch öfter tun. In seinem Heimatort habe er einen Schlüssel für die Kirche und könne jederzeit an der Orgel üben. Langweilig werde ihm im Ruhestand bestimmt nicht werden, hofft Herrmann. Er will hochschulpolitisch in einigen Gremien aktiv bleiben und vor allem mehr Zeit für seine Familie haben, zu der fünf Kinder und neun Enkel gehören.

(dpa/BK)

 

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