Alles richtig gemacht

Als Alexander Matthes nach einem anstrengenden Brautag vor der Kulmbacher Kommunbräu Pause macht, braust ein Handwerker mit seinem Transporter heran und stoppt vor dem Gebäude. Wortlos verschwindet er am Braumeister vorbei in der Schankstube. Kurze Zeit später kehrt er mit zwei Flaschen „Bernstein“ unter dem Arm zurück und klettert wieder in seinen Transporter. Dort bleibt er erst einmal sitzen und betrachtet prüfend die Flaschenetiketten. Vorsichtig öffnet er den Bügel, nimmt einen ersten kleinen Schluck, verschließt die Flasche wieder und verstaut sein Feierabendbier neben dem Fahrersitz. Dann erst startet er den Motor. Auch ein Gast am Stammtisch hat das Geschehen beobachtet. „Der kommt regelmäßig hier vorbei“, kommentiert er. Und ergänzt: „Ohne die Kommunbräu würde in Kulmbach definitiv etwas fehlen.“

Wir haben mit unseren Bieren eine Marke geschaffen.

Alexander Matthes, Braumeister

Gibt es eine Szene, die den Charakter der Kulmbacher Kommunbräu als Heimatbrauerei für Einheimische wie Gäste aus Nah und Fern besser beschreiben könnte? Darüber muss Braumeister Matthes ein bisschen nachdenken. In seiner Antwort spannt er den Bogen weiter. „Es ist schon etwas Besonderes, was wir mit der Kommunbräu erreicht haben. Wir haben mit unseren Bieren eine Marke geschaffen und ein Produkt, das für viele zufriedene Gesichter sorgt. Darauf sind wir stolz“, sagt er.


Anlass zur Zufriedenheit gibt es allemal, und Anlass zum Feiern auch. Denn das erste Bier der Genossenschaft floss vor 25 Jahren am 8. Juli 1994 aus den Zapfhähnen – Mitte Juli 2019 feierten Vorstand, Aufsichtsrat, Wirtsleute, Mitglieder, Freunde und Förderer das Jubiläum ein ganzes Wochenende lang mit Ochs am Spieß, eigenem Bier und vielen Gästen. Die Gründungsgeschichte der Kulmbacher Kommunbräu reicht dabei noch ein paar Jahre weiter zurück. Es war im Herbst 1987, als die sechs Stammtischbrüder Bernd Meile, Wolfgang Wimmer, Udo Koch, Adolf Dörnhöfer, Werner Freitag und Peter Beyerlein die Idee entwickelten, eine eigene Brauerei zu gründen, um der zunehmenden Industrialisierung der Bierproduktion und dem Schwund der fränkischen Biertradition etwas entgegenzusetzen.

Bier in der „Hauptstadt“

Besonders Kulmbach, die „heimliche Hauptstadt des Biers“, war von dem Trend betroffen. Von den vielen Kulmbacher Brauereien waren Ende der 1980er Jahre nur noch die Reichelbräu und die Erste Kulmbacher Aktienbrauerei (EKU) übrig geblieben. Heute gehören beide Häuser zur Kulmbacher Brauerei AG, die wiederum mehrheitlich zur Schörghuber Unternehmensgruppe (Paulaner) gehört. „Früher hatte in Oberfranken jedes Dorf seine eigene Brauerei. Doch in den 1980er Jahren ging diese Biervielfalt zunehmend vor die Hunde. Die verbliebenen Brauereien setzten auf Massenproduktion und reduzierten ihr Angebot auf vier bis fünf Kernsorten“, berichtet Braumeister Matthes. Das war in ganz Bayern so. Nach dem Mauerfall 1989 konzentrierten sich viele Brauereien zudem auf die Märkte in den neuen Bundesländern.

Ich bin meinem eigenen Gesöff erlegen.

Alexander Matthes

Mit dieser Situation wollten sich die sechs Kulmbacher Stammtischbrüder auf keinen Fall zufrieden geben. Sie schmiedeten und verwarfen Pläne, und allmählich nahm das Projekt einer eigenen genossenschaftlichen Kleinbrauerei Formen an. Mit Hans-Jürgen Päsler, Thomas Lange und Karl-Heinz Müller schlossen sich weitere Macher an. Sie erkoren die leerstehende Limmer’sche Getreidemühle zum Standort der Brauerei und suchten weitere Mitstreiter. Im Juni 1990 fand eine erste öffentliche Informationsversammlung zur Gründung einer Brauereigenossenschaft statt. Ziel war es, zum Start mindestens 200 Anteilszeichner zu werben. Das war gar nicht so einfach wie gedacht. Denn viele Kulmbacher taten zwar wortreich ihre Unterstützung kund, aber dann auch den Geldbeutel zu öffnen, fiel ihnen ungleich schwerer. Gleichzeitig galt es, die Finanzierung sicherzustellen und bürokratische Hürden beim Umbau der Limmersmühle zu überwinden.


Doch wie so oft zahlte sich auch hier die Hartnäckigkeit der Brauereigründer aus. Durch intensives persönliches Werben kamen schließlich mehr als 200 Anteilszeichner zusammen und am 18. Februar 1992 wurde im Gasthaus „Gründla“ die „Kulmbacher Kommunbräu eG – Reale Bierwirtschaft“ gegründet. Dennoch dauerte es nochmal gute zwei Jahre, bis der Umbau der Limmersmühle zur fränkischen Bierwirtschaft mit eigener Braustätte abgeschlossen war und die Sudkessel das erste Mal angeheizt werden konnten. Dafür war der Start ein durchschlagender Erfolg: Nach der Eröffnung am 8. Juli 1994 hatte es sich in Kulmbach schnell herumgesprochen, dass die Kommunbräu gutes Bier braut. Und auf einmal kamen auch die Nörgler und Schwarzmaler, die vorher vom Scheitern des Projekts überzeugt waren und nun eines Besseren belehrt wurden. Der Ansturm war so groß, dass die Tanks und Fässer der Kommunbräu schon nach wenigen Wochen leergetrunken waren. Zeitweise musste die Gastwirtschaft sogar für einige Tage geschlossen werden, bis das neue Bier gereift war. Doch das tat dem guten Ruf der Kommunbräu keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die große Nachfrage überzeugte nun auch die letzten Zweifler. Die Kommunbräu etablierte sich schnell als beliebter Treffpunkt in Kulmbach.

Was fehlte, war ein professioneller Braumeister. Über den Vorstand Bernd Meile gab es einen Kontakt zur Familie Matthes, und so wurde Alexander Matthes, unterstützt von seinem Vater Alfred, im Februar 1995 Braumeister der Kommunbräu. An den Einstieg erinnert sich Matthes mit gemischten Gefühlen. „Mein erster Sud war gleich der Maibock für die Feier zum 1. Mai, da stand ich natürlich voll im Fokus der Mitglieder“, erzählt er. Der Sud gelang – doch der neue Braumeister hatte zur Maifeier etwas zu viel von seinem eigenen Bier gekostet. „Ich bin meinem eigenen Gesöff erlegen und war an diesem Tag nicht mehr in der Lage, eine schöne Rede zu halten“, berichtet Matthes. Die Gäste nahmen es ihm nicht übel, schließlich konnten sie sich auch ohne Ansprache von seiner Braukunst überzeugen.

Pils im Juni, Delirium im Dezember

Heute wird Matthes von Sandra Flügel im Büro sowie beim Brauen von Sven Etterichretz und Friso Wesely unterstützt. Das Helle und das etwas dunklere Bernstein stehen ganzjährig auf der Getränkekarte. Dazu brauen Matthes und sein Team jeden Monat ein zur Jahreszeit passendes Bier. Los geht’s mit dem dunklen Brezenbier im Januar, dann folgen unter anderem der Kommunator im Februar, ein Märzen, ein Hexenbier, ein kaltgehopftes Pils im Juni, ein Sommerweizen, ein Roggenbier, ein „Kommoonbier-Weizenbock“ für die dunklen Novembertage sowie im Dezember ein Bockbier mit dem sprechenden Namen Delirium.

Die Absatzzahlen geben dem Braumeister Recht. 1995 lag der Jahresausstoß der Kulmbacher Kommunbräu bei 700 Hektolitern, 25 Jahre später nähert er sich der 1900-Hektoliter-Marke. „Obwohl wir lange vorher da waren, kommt uns der Trend zum handwerklich gebrauten Craftbier sehr entgegen“, sagt Matthes. In das „Wir“ schließt der Braumeister die heute 473 Mitglieder der Genossenschaft sowie die Wirtsleute und alle Freunde und Förderer mit ein. Denn ohne ihre Unterstützung wäre der Erfolg der Kulmbacher Kommunbräu nicht möglich gewesen. Matthes ist wichtig zu betonen, dass die Gründung der Genossenschaft nie als Kampfansage an andere Brauereien gemeint war. „Wir machen das Bier für uns und nicht gegen jemanden“, sagt der Braumeister.

Uns kommt der Trend zum handwerklich gebrauten Craftbier sehr entgegen.

Alexander Matthes

Trotzdem spürten die Initiatoren der Kommunbräu anfangs erheblichen Gegenwind in Kulmbach. „Vor allem die EKU war biestig, während sich die Reichelbräu eher neutral verhielt“, berichtet Matthes. Als er einmal einem befreundeten Bierfahrer der Konkurrenz als Dankeschön ein paar Flaschen Kommunbräu-Bier mitgeben wollte, lehnte dieser rundheraus ab. „Damit kann ich mich bei uns auf dem Hof nicht blicken lassen“, so seine Begründung. Zur Überraschung aller zeichneten dann aber sowohl die Erste Kulmbacher Aktienbrauerei als auch die Reichelbräu jeweils einen Anteil. „Das war aber wohl mehr der Tatsache geschuldet, dass sie durch die Teilnahme an den Genossenschaftsversammlungen informiert bleiben wollten, wenn sie das Projekt schon nicht mehr aufhalten konnten“, erzählt der Braumeister. Diese Zeiten sind lange vorbei. „Die Kulmbacher Brauerei AG kommt heute auf einen Gesamtabsatz von 3,3 Millionen Hektoliter pro Jahr, wir stoßen 1.800 Hektoliter pro Jahr aus. Das juckt die gar nicht“, sagt Matthes.

Zwei Gäste aus Japan und ein Tamagotchi-Drama

Anekdoten aus den vergangenen 25 Jahren bei der Kulmbacher Kommunbräu kann der Braumeister reichlich erzählen. Viele davon finden sich in der umfangreichen und vor allem sehr lesenswerten Chronik wieder, die zum Jubiläum der Genossenschaftsbrauerei erschienen ist. So begann das Jahr 1999 mit einem außergewöhnlichen Besuch: Zwei Unternehmer aus Japan baten Braumeister Matthes darum, sie zwei Wochen lang in die fränkische Braukunst einzuführen. Beide verstanden kein Deutsch und mit Englisch war es bei den Gästen auch nicht weit her. „Wir haben uns dann mit Händen und Füßen verständigt und mit der Zeit haben die beiden dann auch ordentlich mit angepackt“, erzählt Matthes.

Als einer der beiden Japaner nach einem lustigen Abend am nächsten Tag völlig niedergeschlagen zur Arbeit erschien, konnte sich Matthes nur mühsam beherrschen, als er den Grund für die Trübsal seines Gasts erfuhr: „Sein Tamagotchi war gestorben, weil er es in der Nacht zu sehr vernachlässigt hatte.“ Die elektronischen Plastikeier mit den virtuellen Küken, um die sich die Besitzer wie echte Haustiere kümmern mussten, waren in den 1990er Jahren auch in Deutschland sehr beliebt. Immerhin hatten die beiden Japaner den Braumeister in ihr Herz geschlossen. In einem japanischen Restaurant soll es bis heute ein fränkisches Bier geben mit dem Vermerk „Gebraut nach dem Verfahren von Alexander Matthes“.


2009 stand die Kulmbacher Kommunbräu erneut im Interesse Nippons. Thomas Luger, Geschäftsführer der Lauensteiner Confiserie und Mitglied der Brauereigenossenschaft, hatte die Idee, die von der Confiserie neu kreierten Biertrüffel mit dem Kommunbräu-Bernstein zu füllen, das mit seinem malzigen Charakter gut zur dunklen Schokolade der Praline passte. Diese Biertrüffel sollte auch über die noble japanische Kaufhauskette „Hankyu“ vertrieben werden. Das war einem Filmteam aus Japan die lange Reise bis nach Oberfranken wert, um darüber einen Beitrag zu drehen.

Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb, der funktionieren muss.

Alexander Matthes

Wenn Matthes über die vergangenen 25 Jahre bei der Kulmbacher Kommunbräu philosophiert, dann kommt er immer wieder auf die Leistung der Menschen zu sprechen, die diese Erfolgsgeschichte überhaupt erst möglich gemacht haben. „Die Kunst ist nicht, ein gutes Bier zu brauen. Die Kunst ist, davon leben zu können. Und dieses funktioniert bei uns durch die fränkische Wirtschaft im eigenen Haus und durch die Gemeinschaft.“ Die Genossenschaftsmitglieder hätten in den vergangenen 25 Jahren gemeinsam das wirtschaftliche Risiko getragen und viel Energie in die Brauerei gesteckt, indem sie viele große und kleine Arbeiten selbst erledigt haben. „Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb, der funktionieren muss, das darf man nicht vergessen“, sagt Matthes. Doch der Erfolg gebe der Genossenschaft recht. „Wir sind schon etwas Besonderes und aus Kulmbach längst nicht mehr wegzudenken“, sagt Matthes.

Staub und Spinnweben

Durch das Engagement der Genossenschaft hat letztlich das ganze Viertel profitiert, so Matthes. „Bevor die Kommunbräu in die alte Limmersmühle eingezogen ist, waren da nur Staub und Spinnweben und rundherum war Industriebrache. Wären wir nicht gekommen, wäre das Gebäude zur Ruine verkommen.“ Heute lädt der Biergarten der Brauerei im Schatten der Kastanien zum Verweilen ein, die Limmersmühle wurde zum Jubiläum frisch gestrichen und auch die Gebäude rundherum sind alle in einem guten Zustand. „Die Leute kommen gerne hierher. Das Zusammenspiel aus Gaststätte, Atmosphäre und guter Bewirtung hat einfach seinen Reiz“, sagt Matthes. Die zunehmende Wertschätzung für handwerklich anständig gebrautes Bier bringe auch der Kommunbräu immer mehr Gäste. Eine schönere Bestätigung für die Arbeit der Genossenschaft könne es gar nicht geben, meint der Braumeister und mittlerweile Vorstand der Kulmbacher Kommunbräu eG. „Wenn man von den ersten Plänen der sechs Stammtischbrüder bis heute Bilanz zieht, dann kann man für die Kommunbräu zu Recht behaupten: Alles richtig gemacht.“

Die bayerischen Brauereigenossenschaften

Kulmbacher Kommunbräu eG – Reale Bierwirtschaft, seit 1992, https://kommunbraeu-brauerei.de/
www.kommunbraeu.de

Brauerei Hutthurm, seit 1914, www.hutthurmer.de

Privat-Brauerei Gut Forsting eG, seit 1916, www.brauerei-forsting.de

Guts- und Brauereigenossenschaft Taufkirchen/Vils, seit 1917, www.taufkirchner-brauerei.de

Genossenschaftsbrauerei Rötz, seit 1922, www.facebook.com/Genossen/

Klosterbrauerei Reutberg eG, seit 1924, www.klosterbrauerei-reutberg.de

Brauhaus Höchstadt eG, seit 1926, www.brauhaus-hoechstadt.de

Brauerei Weller Erlangen eG, seit 2013, www.brauerei-weller.de

Lang Bräu Freyung eG, seit 2014, www.lang-braeu-freyung.de

Brauereigenossenschaft Oberhaching, seit 2016, https://brauerei-oberhaching.de

Brauereigenossenschaft Ismaning, seit 2017, www.ismaninger.de

Remonte-Bräu Schleißheim eG, seit 2018

StreuBräu eG, seit 2018, https://streubraeu.de/

Genossenschaftsbräu Regensburg, seit 2018

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin „Profil“: https://www.profil.bayern/09-2019/praxis/alles-richtig-gemacht/

Der Beitrag Alles richtig gemacht erschien zuerst auf Bayernkurier.

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