„Wir wollen die besten Köpfe für uns gewinnen“

Herr Sibler, Ministerpräsident Markus Söder hat eine milliardenschwere Innovationsoffensive angekündigt. Warum ist das jetzt nötig?

Künstliche Intelligenz und Digitalisierung zählen zu den Megathemen unserer Zeit. Daran forscht die ganze Welt. Und es gibt Länder, die schon weiter sind als wir. Wir wollen in Bayern aber auf Weltspitzenniveau mithalten. Das war immer unser Anspruch. Wir sind jetzt dabei, ein Konzept zu erarbeiten, um Bayern als führenden Standort für künstliche Intelligenz und Digitalisierung noch sichtbarer zu machen. Denn Wahrnehmung und Sichtbarkeit sind in der Wissenschaftspolitik zentrale Punkte. Dazu kommt, dass wir in diesen Bereichen dringend noch mehr qualifizierte junge Fachkräfte brauchen. Die bayerische Wirtschaft bestätigt uns das. In diesen Feldern liegen die Arbeitsplätze der Zukunft! Von Seiten der Hochschulen müssen und wollen wir das unterfüttern.

Künstliche Intelligenz ist der Schlüssel für viele Entwicklungen.

Bernd Sibler

In welchen Bereichen sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?

Künstliche Intelligenz ist der Schlüssel für viele Entwicklungen. Nehmen Sie die Robotik. In Garmisch-Partenkirchen haben wir dazu ein spannendes Projekt zum Einsatz von Robotern im Pflegebereich. Sie können künftig unsere Pflegekräfte entlasten, damit diese mehr Zeit für die Menschen haben. Entscheidend ist: Künstliche Intelligenz muss den Menschen dienen. Darum muss es bei der Anwendung gehen. Darüber hinaus werden wir natürlich auch auf Gebieten wie der Erforschung alternativer Energieformen und alternativer Antriebe weiter aktiv sein. Straubing ist beispielsweise ein wichtiger Standort, wenn es um die Entwicklung synthetischer Kraftstoffe geht. Das alles müssen wir jetzt in einem intelligenten Gesamtkonzept zusammenfassen. Wir wollen Lösungen schaffen und die Zukunft aktiv gestalten.

Kann der Freistaat denn überhaupt mit milliardenschweren Unternehmen wie Google oder der vom Staat massiv geförderten Konkurrenz aus China mithalten?

Genau darum geht es bei unserer Forschungsinitiative. Wir müssen unsere Stärken stärken, unsere bereits vorhandenen Ressourcen und Mittel klug vernetzen und um Neues ergänzen, damit wir international mithalten können.

Zu den Plänen der Regierung gehört auch ein bayerisches Raumfahrtprogramm. Was soll es leisten?

Eines vorweg: Es geht nicht darum, dass unsere Hochschulen eigene Raketen ins Weltall schießen. Aber sie legen mit Spitzenforschung die Grundlagen für entsprechende Initiativen. Es geht zum Beispiel auch darum, durch Geodäsie, also durch Erdvermessung, Daten zu erhalten, um damit für die Landwirtschaft optimale Düngestrukturen zu ermitteln, oder ökologische Daten zu gewinnen, um im Umweltschutz weiter voranzukommen. Wir haben in der Luftfahrt- und Weltraumforschung, die Franz Josef Strauß nach Bayern gebracht hat, bereits hervorragende Strukturen. Eine wichtige Einrichtung ist beispielsweise das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen. In diesen Bereichen laufen bereits viele Forschungsprojekte. Jetzt geht es darum, das weiterzuentwickeln. Mit einem sehr irdischen Ziel: das Leben der Menschen auf der Erde besser zu machen.

Wir unterstützen es ausdrücklich, wenn sich Unternehmen in der Wissenschaft engagieren wollen.

Bernd Sibler

In den USA treiben viele Unternehmer ehrgeizige Projekte voran: Jeff Bezos und Elon Musk finanzieren eigene Weltraumprogramme, Musk zudem noch den Hyperloop – ein Transportsystem, in dem Menschen einmal mit nahezu Schallgeschwindigkeit in Vakuumröhren reisen sollen. Würden Sie sich von deutschen  Unternehmern mehr Initiativen wünschen?

Wir unterstützen es ausdrücklich, wenn sich Unternehmen in der Wissenschaft engagieren wollen. Es gibt dazu aber auch sehr kritische Stimmen, die um die Freiheit von Forschung und Lehre fürchten. Ich sehe diese Gefahr weniger. Wir haben zum Beispiel die Kooperation der TU München mit Facebook ausdrücklich begrüßt. Jeder, der den TU-Präsidenten Prof. Dr. Wolfgang Herrmann kennt, weiß: Ihm redet man nicht rein bei Forschung und Lehre. Ziel ist es, zusätzliches Kapital zu gewinnen – immer unter der Prämisse, dass Forschung und Lehre nicht beeinflusst werden. Da sehe ich in Bayern kein Problem. Wir stehen diesem Engagement sehr offen gegenüber und unterstützen das als Ministerium ausdrücklich.

Beim Hyperloop-Projekt hat bereits vier Mal ein Team der TU München einen Wettbewerb gewonnen. Was bedeutet das für den Wissenschaftsstandort Bayern?

Am Hyperloop-Wettbewerb beteiligen sich Teams aus der ganzen Welt. Wenn hier Studentinnen und Studenten der TU München gewinnen, dann heißt das, dass wir ganz vorne mit dabei sind. Das ist der bayerische Anspruch. Die TU und die LMU in München sind zwei international renommierte Hochschulen. Die FAU Erlangen-Nürnberg gilt als zweitinnovativste Universität in Europa. Passau belegt im renommierten THE-Ranking der besten jungen Universitäten weltweit Platz 16. Das zeigt, dass wir in Bayern sehr gut aufgestellt sind. Wenn man dann noch einen Wettbewerb wie den Hyperloop-Wettbewerb gewinnt, dann wird unsere Leistungsstärke auch international sichtbar. Das ist in der Wissenschaft entscheidend. Wir stehen ja nicht nur im Wettbewerb um die besten Köpfe aus Deutschland, wir wollen weltweit die besten Köpfe für uns gewinnen! Und noch etwas kommt dazu: Hyperloop, künstliche Intelligenz und Weltraumforschung sind positive Visionen. Das sind spannende Projekte, die es uns ermöglichen, die Menschen zu begeistern. Groß denken, aber nicht großspurig sein, das ist unsere Haltung in Bayern.

Die Hochschulen sollen ihre Energie in kreative Prozesse stecken können.

Bernd Sibler

Die TU München und die LMU wurden jüngst wieder als Exzellenz-Universitäten ausgezeichnet. Der Ministerpräsident hat mit Blick auf die vier Exzellenz-Hochschulen in Baden-Württemberg eine Hochschulreform gefordert. Was soll sie bringen?

Die beiden Münchner Universitäten haben bei der Exzellenz- initiative hervorragend abgeschnitten, aber leider ist es keiner weiteren bayerischen Hochschule gelungen, erfolgreich zu sein. Wir wollen hier besser werden. Deshalb sind wir dabei, eine groß angelegte Hochschulreform aufzulegen. Es geht unter anderem darum, bürokratische Hemmnisse abzubauen. Die Hochschulen sollen sich nicht so sehr mit Verwaltungsaufgaben beschäftigen müssen, sondern ihre Energie in kreative Prozesse stecken können. Eine Überlegung ist auch, es künftig einfacher zu machen, englischsprachige Studiengänge zuzulassen. Damit könnten wir für internationale Studentinnen und Studenten noch interessanter werden. Die Wissenschaftssprache ist heute Englisch. Ein weiteres Thema ist die Ausgründung von Start-ups aus den Hochschulen. Auch hier müssen wir limitierende Faktoren abbauen und mehr Möglichkeiten schaffen.

Bedeutet das auch, dass bestimmte Forschungsfelder an einzelnen Standorten  konzentriert werden?

Wir werden das nicht vorgeben. Wir wollen gemeinsam mit den Hochschulen prüfen, wo wir einzelne Schwerpunkte bilden können. Mir geht es um einen Dialog auf Augenhöhe mit allen, die an der Hochschule tätig sind.

Eines der großen Projekte der Staatsregierung ist es, die hochschulische Ausbildung in die Fläche zu bringen. Wie weit sind Sie dabei inzwischen gekommen?

Wir sind jetzt an einem Höhepunkt bei der Entwicklung in die Fläche angekommen. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel vorangebracht. Es gibt in Bayern nahezu überall im Umkreis von 50 Kilometern einen Hochschulstandort. Das ist für einen Flächenstaat einzigartig! Wir haben diese Standorte sehr bewusst gewählt. Wir haben uns genau angeschaut, wie die industrielle Anbindung ist und wie die Strukturen vor Ort sind. Nehmen Sie zum Beispiel den Campus für Kunststofftechnologie der TH Deggendorf in Hutthurm. Dort gibt es bereits eine starke Kunststoffindustrie, an die wir mit unserem Hochschulstandort anknüpfen. Das hilft auch der regionalen Wirtschaft.

Werden die Angebote denn angenommen?

Ja, sehr gut. Es ist für viele Menschen einfacher in Heimatnähe – in Deggendorf, in Rosenheim, in Burghausen oder in Mühldorf – zu studieren, als dafür nach München zu gehen. Da ist die Schwelle für viele schon sehr hoch. Dass unser Ansatz nun auch auf Bundesebene Beispiel ist, bestätigt unsere Strategie.

Wir haben es geschafft, dass die Zahl der Studentinnen und Studenten in den MINT-Fächern deutlich angestiegen ist.

Bernd Sibler

Sie haben den Fachkräftemangel in bestimmten Branchen bereits erwähnt. Aktuell werden auf dem Arbeitsmarkt besonders IT-Experten gesucht. Aber auch von einem Lehrermangel ist die Rede. Inwieweit können die Hochschulen auf diese Nachfrage eingehen?

Das Thema Lehrerpersonal lag früher in meiner Verantwortung als Kultusminister. Aufgrund der steigenden Geburtenzahlen gibt es zeitversetzt auch mehr Schulkinder. Ich habe deshalb im vergangenen Jahr dafür gesorgt, dass 700 zusätzliche Studienplätze für das Grundschullehramt zum Wintersemester 2018/2019 eingerichtet wurden. Bei der Lehrerausbildung sind wir jetzt auf einem guten Weg. Die MINT-Fächer, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, haben wir in den vergangenen Jahren massiv gefördert. In diesen Bereichen wird es dauerhaft auf viele Jahre hinaus einen großen Bedarf geben. Wir haben in den Schulen das Fach Informatik gestärkt und werden es im neunjährigen Gymnasium noch weiter ausbauen. Wir haben viele Maßnahmen ergriffen, um die jungen Menschen zu erreichen, die unsicher sind und sich fragen, ob sie etwas in diesen Bereichen studieren sollen. Wir haben es geschafft, dass die Zahl der Studentinnen und Studenten in den MINT-Fächern deutlich angestiegen ist. Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Lange war dort die Philosophische Fakultät die größte. Jetzt sind es die technisch-naturwissenschaftlichen Fakultäten.

Sie selbst haben ein Lehramtsstudium in Deutsch und Geschichte absolviert. Würden Sie das heute wieder machen?

Definitiv ja! Ich wollte immer Lehrer werden.

Was empfehlen Sie jungen Menschen, die jetzt über ihr Studium nachdenken. Woran sollen sie sich orientieren? An der Situation auf dem  Arbeitsmarkt oder an den  eigenen Interessen?

Sowohl als auch. Wenn ich Altorientalistik studiere, muss ich wissen, dass der Arbeitsmarkt überschaubar ist. Aber wenn jemand die absolute Leidenschaft dafür hat, dann soll er es machen. Das ist besser, als ein anderes Fach zu wählen und dann zu merken, dass es doch nicht passt. Ich stelle aber fest, dass zu viele junge Menschen zu wenige Berufe kennen und sich doch sehr stark daran orientieren, was die Eltern oder Verwandte und Bekannte machen. Deshalb werden wir am neuen Gymnasium bereits in der neunten Klasse verstärkt berufliche Orientierung anbieten. Wir müssen hier ein viel breiteres Spektrum an Möglichkeiten vermitteln.

Das Interview führte Thomas Röll.

Der Beitrag „Wir wollen die besten Köpfe für uns gewinnen“ erschien zuerst auf Bayernkurier.

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