Alles, was nicht niet- und nagelfest ist Milliarden-Schäden im Einzelhandel durch Diebesbanden

Im Einzelhandel wurden 2018 Waren im Wert von rund 3,75 Milliarden Euro gestohlen. Daran konnten auch Videokameras in den Verkaufsräumen und elektronische Etiketten nur wenig ändern. Immer häufiger treten organisierte Diebesbanden, vornehmlich südosteuropäischer Provenienz, in Erscheinung.

Egal ob Rasierklingen, Parfüm oder Designerjeans: »Im Handel wird nach wie vor gestohlen, was nicht niet- und nagelfest ist«, klagt Frank Horst, Sicherheitsexperte des Kölner Einzelhandelsforschungsinstituts »EHI«. Allein 2018 musste der Einzelhandel rund 3,75 Milliarden Euro im sogenannten Schwundbuch unter »Inventurdifferenzen« verbuchen – eine Steigerung von rund sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dazu zählten Einbußen durch diebische Kunden, Langfinger unter den eigenen Mitarbeitern sowie Gauner bei Lieferanten oder Servicekräften, berichtet die Deutsche Presse-Agentur (dpa).

Der größte Anteil der gestohlenen Waren entfiel dabei auf Kunden. »An jedem Verkaufstag entsteht im deutschen Einzelhandel ein Schaden in Höhe von fast 7,7 Millionen Euro durch Kundendiebstahl«, heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Studie. Das ergebe fast 2,4 Milliarden Euro im Jahr. Hinzu kamen 2018 Diebstähle von Mitarbeitern im Wert von schätzungsweise einer Milliarde Euro. Warenschwund im Volumen von weiteren 350 Millionen Euro soll auf das Konto von Lieferanten und Servicekräften gehen.

Eine immer größere Rolle spielen beim Ladendiebstahl gewerbsmäßig organisierte Banden, vor allem aus Südosteuropa. Wertmäßig sei inzwischen etwa ein Viertel aller Delikte Bandendiebstählen und der organisierten Kriminalität zuzurechnen, heißt es in der Studie. Schwere Ladendiebstähle haben in den vergangenen zwölf Jahren laut Kriminalstatistik um mehr als das Zweieinhalbfache zugenommen, während die Zahl der angezeigten einfachen Ladendiebstähle seit Jahren sinkt.

Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer. Nach Hochrechnungen des »EHI« bleiben jährlich fast 24 Millionen Ladendiebstähle unentdeckt.

Bei Bandendiebstählen werden der Studie zufolge bei einem einzigen Raubzug im Schnitt Waren im Wert von 1.000 bis 2.000 Euro entwendet. Dabei gebe es oft eine genaue Aufgabenverteilung zwischen den beteiligten Bandenmitgliedern: etwa das Verkaufspersonal zu beobachten und abzulenken, das Diebesgut in »Depots« zusammenzustellen oder die Ware aus dem Geschäft zu tragen und die Fluchtwege zu sichern.

Fast zwei Drittel der ermittelten Tatverdächtigen sind laut Polizeistatistik männlich. Der Ausländeranteil sei überdurchschnittlich hoch und der Anteil der Mehrfachtäter betrage rund 60 Prozent, berichtete das »EHI«. Fast jeder zehnte erwischte mutmaßliche Ladendieb stand zum Tatzeitpunkt unter dem Einfluss harter Drogen.

Fast nichts ist vor den Langfingern sicher. »Generell gilt: Was sich gut verkauft, wird auch oft geklaut«, heißt es in der EHI-Studie. Im Lebensmittelhandel sind Spirituosen die Renner im Diebstahl-Ranking. In Drogeriemärkten sind Parfüms und Kosmetik besonders beliebt. Im Modehandel werden vor allem hochwertige Markenbekleidung (Labels), Jeans und Turnschuhe entwendet. Im Elektronikhandel lassen die Kunden gerne Konsolenspiele, Smartphones und Speicherkarten mitgehen, im Baumarkt sind Akkuschrauber und anderes Werkzeug begehrtes Diebesgut.

Für die Studie »Inventurdifferenzen 2019« hatte das Einzelhandelsinstitut insgesamt 95 Unternehmen mit mehr als 22.500 Verkaufsstellen befragt. Beteiligt waren der Lebensmittelhandel, Drogeriemärkte, Baumärkte, aber auch der Bekleidungshandel und Möbelhäuser. (lol)

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