Große Mehrheit der Deutschen beklagt Sprechverbote

FRANKFURT/MAIN. Fast zwei Drittel der Deutschen fürchten Tabus und Sprechverbote im öffentlichen Raum. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meinen 63 Prozent, man müsse heute „sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert“. Der Grund: Es gebe „ungeschriebene Gesetze, welche Meinungen akzeptabel und welche tabu sind“.

Vor allem das Thema Asylpolitik erscheint den Deutschen riskant. Die Äußerung, für Flüchtlinge werde in Deutschland zu viel getan, halten 61 Prozent im öffentlichen Raum für heikel. Im privaten Kreis empfinden es immer noch 31 Prozent als gefährlich, eine solche Meinung kundzutun. 62 Prozent glauben, ein Politiker müsse hierzulande mit Kritik rechnen, wenn er dem Islam zu viel Einfluß zuschreibt.

75 Prozent wollen den Negerkönig behalten

Besonders auffällig in der Studie ist die zeitliche Entwicklung seit 1996. Damals empfanden nur 16 Prozent der Bundesbürger „Vaterlandsliebe“ und „Patriotismus“ als „heikle Gesprächsthemen“. 1998 waren es bereits 24 Prozent, 2000 dann 28 Prozent und 2007 schon 31 Prozent. Heute bejahen diese Aussage dagegen 41 Prozent.

Derselbe prozentuale Anteil – 41 Prozent – kritisiert eine Übertreibung der Politischen Korrektheit. 35 Prozent der Deutschen halten freie Meinungsäußerung gar nur noch im privaten Raum für möglich. 57 Prozent „geht es auf die Nerven, daß einem immer vorgeschrieben wird, was man sagen darf und wie man sich zu verhalten hat“.

Eine klare Meinung haben die Deutschen überdies beim Streit um nachträgliche Korrekturen von Büchern aus Gründen der Political Correctness. Hier wurde in der Vergangenheit beispielsweise der Negerkönig in Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf zum „Südseekönig“ gemacht. 75 Prozent der Befragten sind für die Beibehaltung der Originalversion, 14 Prozent für entsprechende Änderungen.

Auswirkungen auf Diskursverhalten

Die Erhebung legt nahe, daß das Meinungsklima auch direkte Auswirkungen auf das Diskursverhalten im öffentlichen Raum hat. 78 Prozent sagen, man müsse bei einigen oder vielen Themen vorsichtig sein. Nur 18 Prozent sehen Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit als gänzlich unproblematisch an. Stärker ist das Vertrauen in den Freundes- und Bekanntenkreis, wo sich 59 Prozent sicher fühlen, ihre Meinung frei zu äußern. 38 Prozent sind auch dort eher skeptisch. (tb)

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