„Wenn wir nicht gendern, dann gibt es auf der Welt nur Männer“

Uns allen ist bewusst, dass gendergerechte Sprache Einzug in unseren Alltag gehalten hat. Die Art und Weise, wie sie sich im universitären Umfeld präsentiert, ist aber oft ziemlich amüsant.

Kommentar von Monika Šimić

Liebe Leser (Frauen sind
mitgemeint)!

Zu Beginn gleich ein kleiner Hinweis: Nur weil man in einem Text keine gendergerechte Sprache verwendet, heißt das nicht, dass es auf der Welt nur Männer gibt. Das hat eine Lehrende der Universität Graz erst kürzlich behauptet. Mir wäre allerdings nicht aufgefallen, dass sämtliche Frauen auf der Welt tot umgefallen sind, als ich das Wort für immigrants mit „Einwanderern“ statt mit „EinwanderInnen“ übersetzt habe. Tatsächlich lebe auch ich noch.

„Sprache formt die Wirklichkeit“

Fast täglich hören wir von verschiedenen
Seiten, dass Sprache ja die Wirklichkeit formt und Frauen durch die Nutzung
gendergerechter Sprache sichtbar gemacht werden. Besonders oft hört man dieses
Argument an den Universitäten. Viele Bürger sind von gendergerechter Sprache aber
genervt und fühlen sich von ihr sogar regelrecht belästigt. Das zeigt auch eine
jüngst durchgeführte Umfrage, die vom Verein
Deutsche Sprache
bei der INSA-Consulere GmbH in Erfurt in Auftrag gegeben
wurde. 

Mehrheit von gendergerechter
Sprache genervt

Die Ergebnisse der repräsentativen
Umfrage, an der über tausend zufällig ausgewählte Bundesbürger teilnahmen, sprechen
eine klare Sprache – Wortwitz beabsichtigt. So erklärten lediglich 27,9 Prozent
der Frauen und 27,1 Prozent der Männer, dass ihnen gendergerechte Sprache „sehr
wichtig“ oder „eher wichtig“ seien. Rund 75 Prozent der befragten Personen
sprachen sich dagegen aus, gesetzliche Vorschriften zur Sprachneutralisierung
zu schaffen. In der Vergangenheit gab es in mehreren deutschen Bundesländern
Diskussionen über die Einführung gendergerechter oder genderneutraler Sprache
in Behörden.

Studierender vs. Student

Mittlerweile gibt es verschiedene
Varianten, um die Alltagssprache gendergerechter zu gestalten. Wir kennen die
gängigsten Formen: das Binnen-I, die Schrägstrichvariante und die „Gender Gap“-Variante
inklusive Genderstern. Erst heute habe ich auf Twitter von einer weiteren
Variante gelesen. So schlägt eine Twitter-Nutzerin vor, anstelle des
Gendersterns einen Doppelpunkt zu setzen.

Immer wieder sehen wir aber auch Wortschöpfungen, die sich der Partizipformen bedienen. Für teils amüsante Beispiele verweise ich ganz gerne auf den Linguisten Peter Eisenberg, der in der Süddeutschen Zeitung ein Essay veröffentlicht hat. In diesem weist er auf das Beispiel Studierender vs. Student hin, das er selbst in einem Blog über das Gendern entdeckt hat. Dort heißt es: Ein sterbender Studierender stirbt beim Studieren, ein sterbender Student kann auch im Schlaf oder beim Wandern sterben. Dasselbe Prinzip gelte auch für durch Konversion des Partizip II gebildete Substantive. So könne ein Geflüchteter jemand sein, der sich einem Regenguss oder einer nervigen Seminarveranstaltung entzieht, während ein Flüchtling vor Krieg, Gewalt oder politischer Verfolgung flieht.

Referat für Gleichstellung verantwortlicher Hauptakteur

Vorschläge für solche Wortschöpfungen kämen oft von Universitäten. Anders als man vielleicht denken würde, befördern an der Universität aber keine Linguisten das Gendersprach-Projekt, sondern vielmehr Personen aus dem „Referat für Gleichstellung“, wie der emeritierte Professor für allgemeine und germanistische Linguistik an der Universität Konstanz, Josef Bayer, erklärt.  Das zeige sich dann in der „ziemlich autoritär“ vorgetragenen Anweisung zu Personenbezeichnungen im universitären Kontext. Aus Besuchern werden nämlich Besuchende oder Gäste, aus Preisträgern werden Preistragende und aus Sprechern werden Sprechende. Auch hier sind die oben erwähnten Partizipialkonstruktionen also auf dem Vormarsch.

Die Suche nach den sichtbarer gemachten Frauen

Es ist dann aber fast schon paradox, wenn sich gerade Sprachexperten der gendergerechten Sprache bedienen und diese derartig verinnerlicht haben, dass sie in der Lehrveranstaltung von „einer Studierenden“ sprechen, wenn doch nichts dagegenspräche die Betroffene „eine Studentin“ zu nennen. Doch auch Kollegen, die mit mir im Kurs sitzen, bemühen sich täglich um eine gendergerechte Sprache. Ich höre dann, wie von „Dolmetscher *längere Pause* innen“ und „Übersetzer *längere Pause * innen“ gesprochen wird und suche verzweifelt nach den damit sichtbarer gemachten weiblichen Dolmetschern und Übersetzern.

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Der Beitrag „Wenn wir nicht gendern, dann gibt es auf der Welt nur Männer“ erschien zuerst auf Die Tagesstimme.

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