Dem Stau entschweben

Heute in BAYERN

Das Vehikel sieht aus wie eine ICE-Lok mit Flügeln. Senkrecht steigt es von einer Startbahn hoch, fliegt dann vorwärts. Im Hintergrund jubeln Ingenieure und fallen sich in die Arme. Der unbemannte Mini-Jet nimmt eine Kurve und sinkt wie ein Helikopter wieder auf den Boden. So sah er aus, der Jungfernflug des Prototyps von Lilium in Oberpfaffenhofen im April dieses Jahres. Zumindest findet sich das Ereignis so in einem Youtube-Video verewigt, inszeniert wie ein Actionfilm. Für die Firma Lilium war dieses kurze Abheben ein Meilenstein auf dem Weg zum Ziel, das Mitgründer Daniel Wiegand so formuliert: „Wir wollen ein völlig neues Transportmittel schaffen, mit dem jedermann jederzeit überall hin fliegen kann.“

Flugtaxi ist der gängige Name für diese innovativen elektrisch betriebenen Kleinflugzeuge. Sie werden, da sind sich Experten einig, die Mobilität in und um Großstädte stärker verändern als einst die U- und S-Bahnen. Weltweit tüfteln Firmen an den ersten Prototypen. Unternehmen aus Bayern sind ganz vorne mit dabei.

Flug-Pioniere aus Oberbayern

Das Start-Up Lilium etwa sitzt in Weßling bei München. Es entwickelt einen elektrischen senkrecht startenden und landenden Jet. Wie oft der Prototyp abhob und welche Strecke er zurückgelegt hat, das sind Firmengeheimnisse. Nur so viel wird verraten: Das Unternehmen arbeite an einer fünfsitzigen Variante. 2025 soll diese marktreif sein, bis zu 300 Stundenkilometer schnell sein und 300 Kilometer weit kommen. Eine Fahrt im Lilium-Lufttaxi, meint Geschäftsführer Wiegand, werde fünf Mal schneller, aber genauso teuer wie die in einem herkömmlichen Taxi sein.

Eine Lufttaxifahrt könnte so aussehen: Gebucht wird der Trip über eine App. Die fliegenden Taxis pendeln zwischen verschiedenen Landeplattformen. Die Stationen sollen auf den Dächern von Hochhäusern entstehen, auf Bahnhöfen oder auf der grünen Wiese. Weiter geht es anschließend mit traditionellen Verkehrsmitteln. Die Tour von der Münchner Innenstadt zum Flughafen dauert dann noch zehn Minuten. Staus werden einfach überflogen. Das spart Nerven und Lebenszeit. In München verbringen Autofahrer jährlich stattliche 51 Stunden im Stau.

Science Fiction? Nein.

Luftshuttle zum Airport, das klingt nach Science Fiction und ferner Zukunft. Experten sehen das anders. Florian Holzapfel, Professor für Flugsystemdynamik an der Technischen Universität München, erwartet, dass bereits 2022 Flugtaxis am Münchner Hauptbahnhof aufsteigen. Der Gründer von Volocopter, Alexander Zosel, rechnet in zehn Jahren mit einer ausgebauten Infrastruktur für das Verkehrsmittel der Zukunft.

Experten gehen davon aus, dass schon im Jahr 2022 die ersten Flugtaxis über München kreisen werden.

Volocopter ist der Pionier unter den Flugtaxi-Unternehmen. Seit 2011 arbeitet die Firma an dem drohnenähnlichen Senkrechtstarter mit 18 Rotoren. Zwei Personen kann dieser befördern. 600 Testflüge hat er gemeistert. In Dubai schwebte der Ultraleichtflieger vollautonom, ohne Piloten an Bord oder am Boden, vor der Hochhauskulisse. Die Firma aus dem badischen Bruchsal hofft auf einen Großauftrag aus dem Emirat. Dort sollen nach Vorstellung der Scheichs zur Expo 2020 Lufttaxis Menschen transportieren.

Bayern – Land der Flugtaxis?

Nicht nur Start-Ups interessieren sich für die fliegenden Vehikel. Der City-Airbus mit einem Antriebssystem von Siemens wird im bayerischen Donauwörth gebaut. Im Dezember dieses Jahres soll er das erste Mal fliegen. Vahana, ein im Silicon Valley entwickeltes Projekt der Innovationsabteilung von Airbus, war seit Januar bereits 30 Mal in der Luft und hat insgesamt 15 Kilometer zurückgelegt.

Geht es nach der bayerischen Staatsregierung soll Bayern sich zum führenden Standort für die Entwicklung und den Bau von Flugtaxis mausern. Ministerpräsident Markus Söder erkennt das Potenzial der neuen Technologie: „Das ist lärmschonend und entlastet den Verkehr. Bayern will die Nummer eins sein auf diesem Gebiet, so wie Bayern auch bei der Automobilität ganz vorne ist. In diesem Zusammenspiel aus Luftfahrt, Hightech und Digitalisierung entstehen Arbeitsplätze.“

In einer Kabinettssitzung im Sommer wurden dafür die Weichen gestellt. Zuvor hatten mehrere Firmen, darunter Siemens, Quantum, Lilium und Volocopter, im Hofgarten ihre Flugobjekte aufgebaut. Söder besichtigte die Geräte und startete schließlich eine viermotorige Drohne. Senkrecht stieg diese in die Höhe, stand eine Minute in der Luft, senkte sich wieder senkrecht und landete knirschend im Kies hinter der Staatskanzlei. „Das ist die Zukunft“, freute sich der Ministerpräsident.

„Testfeld autonomes Fliegen“

Die Landesregierung beschloss, ein Testfeld für autonomes Fliegen einzurichten sowie eine Machbarkeits- und Anwendungsstudie zu beauftragen, um die Möglichkeit für ein bayernweites Flugtaxi-Netzwerk auszuloten. Zudem wird der Freistaat mit fünf Millionen Euro die Erforschung von alternativen Flugantrieben und Technologien des unbemannten Fliegens fördern.

Die Maßnahmen kommen bei den Herstellern gut an. „Wir brauchen dringend einen Rahmen, in dem wir arbeiten und atmen können“, sagt Ferdinand Veith von Quantum-Systems. Das Start-Up aus Gilching baut Drohnen, die bereits weltweit im Einsatz sind: in der Land- und Forstwirtschaft, für die Inspektion von Bahn- oder Stromtrassen oder zum Transport von Medikamenten. „Um konkurrenzfähig zu bleiben, benötigen wir Testgebiete, wo wir unsere Technologie erproben und weiterentwickeln können“, betont Veith. Bisher dürfen sich unbemannte Fluggeräte maximal in einer Höhe von 100 Metern bewegen und nur in Sichtweite, also circa 500 Meter in eine Richtung.

Der Ansporn, als deutsches Unternehmen in dem Zukunftsmarkt weiterhin eine wichtige Rolle zu spielen, ist groß. Analysten des Beratungsunternehmens Porsche Consulting gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2035 weltweit etwa 23.000 Lufttaxis unterwegs sein werden. Mehr als 32 Milliarden Dollar sollen sich damit umsetzen lassen. Eine amerikanische Studie beziffert den weltweiten Markt für kommerzielle Drohnen auf knapp 11 Milliarden Dollar bereits in 2022.

Modellregion Ingolstadt

Die ersten Lufttaxis werden in Deutschland wahrscheinlich über Ingolstadt kurven. Die Stadt ist neben Hamburg, Aachen, Genf und anderen europäischen Städten für das Projekt „Urban Air Mobility“ der Europäischen Union ausgewählt als eine Modellregion für die Mobilität der Zukunft. Ingolstadt konzentriert sich auf die Erprobung von Flugtaxis. Am Flughafen Manching ist es möglich, einen bestehenden Luftkorridor zu nutzen, sodass die neuartigen fliegenden Kisten zu Testzwecken abheben können, ohne die sonst geltenden Auflagen. Die zentrale Lage Ingolstadts eignet sich optimal, um einen Pendelbetrieb zwischen Großstädten auszuprobieren. In einem Radius von 100 Kilometern sind München, Nürnberg, Augsburg und Regensburg erreichbar. „Mehr als 20 Partner unterstützen unser Projekt, unter anderem vier bayerische Ministerien und das Bundesverkehrsministerium. Neben technischen Tests werden wir auch die Fragen der Flugsicherheit sowie die rechtlichen und regulatorischen Voraussetzungen klären“, kündigt Stadtdirektor Hans Meier an. „Hierbei ist uns die Einbindung der Bevölkerung wichtig.“ Airbus initiierte die Bewerbung Ingolstadts, der ortsansässige Automobilhersteller Audi unterstützt ebenfalls die Initiative.

Ein Auto mit Flügeln

Autohersteller und Luftfahrtkonzern sind eine Allianz eingegangen. Gemeinsam brüten Airbus und Audi an einer Idee, die noch radikaler ist als die Jets von Lilium. Ein fliegendes Auto soll es werden. „Pop.Up Next“ heißt das Projekt. Eine Kabine für zwei Personen verkoppelt sich entweder mit einem selbstfahrenden Untersatz oder mit einer Drohne. Der Passagier wählt sein Ziel, das System entscheidet, welcher Teil der Strecke gefahren und welcher geflogen wird. Die Audi-Tochter Italdesign realisiert die Vision. Geflogen oder gefahren ist die Auto-Drohnen-Kombination noch nicht. Wann das sein wird? „Wir arbeiten dran“, lässt Italdesign wissen. Diese Zukunft liegt anscheinend doch noch in etwas weiterer Ferne.

Der Beitrag Dem Stau entschweben erschien zuerst auf Bayernkurier.


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