Seelsorge in der Corona-KriseDas große Schweigen

Der Berliner Medienwissenschaftler und Philosoph Norbert Bolz, bekannt für scharfzüngige Debatteneinwürfe, sagt es auf seine Weise: „Das dröhnende Schweigen der Kirchen steigt zum Himmel!“ Bolz ist nicht der einzige, der an der Haltung der Bischöfe beider großer Konfessionen in der Corona-Krise Anstoß nimmt, sie gar als zu staatshörig empfindet. Kirchenvertreter, die meist zu allen Themen fix eine Meinung äußern, verhielten sich auf einmal merkwürdig still – das wurde im gläubigen Volk und weit darüber hinaus als befremdlich empfunden.

„Je länger die Zeit der Pandemie dauert, um so stärker beunruhigt mich die Sprachlosigkeit unserer Kirchenoberen“, schrieb am 13. Mai in der Frankfurter Allgemeinen der ehemalige evangelische Militärbischof Hartmut Löwe. „Auf der Ebene der Gemeinden geschieht viel und Erstaunliches. Das ist nicht genug zu loben. Aber diejenigen, die sich sonst an Stellungnahmen zu allem und jedem überbieten, finden kein geistliches Wort.“ Kulturprotestantische Belanglosigkeiten versagten in der Krise, hier müsse theologisch und geistlich „tiefer gegraben“ werden. „Vermögen das unsere Kirchenoberen in ihrer Geschäftigkeit noch?

Zweifel plagen auch andere. „Kirche im Abseits“ titelte selbst der sozialdemokratische Vorwärts. Seit Anfang März habe sie sich den staatlichen Anordnungen mehr oder weniger bedingungslos gebeugt, klagte dort der evangelische Theologe Christian Wolff. „Ein einzigartiger Vorgang!“ Welche Signale habe eigentlich die Kirche dem Staat gegeben? Wieso warte sie wie ein Befehlsempfänger darauf, was der Staat zulasse und ihr auftrage? „Wir sind doch als Landeskirche kein Oberschulamt!“ Kommentar eines Lesers: Das Kirchenvolk müsse sich engagieren und den Kirchenoberen den Weg weisen. „Offenbar meinen die Kirchenfürsten, solange die Kirchensteuer fließt, sei alles okay. Und wo sind eigentlich die ach so heldenhaften DDR-Bürgerrechtler geblieben?“

Polizeilich überwachtes Gottesdienstverbot

Kritik an den Kirchen äußerte auch Thüringens ehemalige Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU). Es sei nicht zwingend notwendig gewesen, die Gotteshäuser zu schließen, sagte die evangelische Theologin in einem Interview mit der Welt. Die Kirchen hätten in der Corona-Krise „Hunderttausende Menschen alleingelassen, darunter Alte, Kranke und Sterbende“.

Auch wenn die Kirche dabei staatliche Maßnahmen umgesetzt habe, sei sie keine „zivilgesellschaftliche Organisation“, sondern den Menschen verpflichtet. „Sie meldet sich bei gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen immer zu Wort. Aber in der Corona-Krise war dazu nur Schweigen“, beklagte Lieberknecht.

Der schnelle Rückzug aus dem öffentlichen Leben deute darauf hin, daß man nicht über die Frage der eigenen „Systemrelevanz“ nachgedacht habe und „wie Sportvereine und Einzelhändler auf analoge Tauchstationen gegangen ist“, bemängelte auch der evangelische Theologieprofessor Arnulf von Scheliha (Münster). „Digitale Angebote schön und gut. So erreicht man allenfalls die Kerngemeinden. Aber der Transfer der Deutungsangebote in die anderen sozialen Sphären ist verstellt, denn die digitale Kirche erreicht die Menschen jenseits der festgefügten Kerngemeinden kaum.“

Beim Blick in leere Kirchenbänke wunderte sich im April der katholische Dogmatiker und Liturgieexperte Helmut Hoping, daß die Hirten der Kirche das polizeilich überwachte Gottesdienstverbot „nicht einmal im Ansatz“ hinterfragten: „Wollen die Bischöfe auch noch an Pfingsten erklären, das staatliche Verbot öffentlicher Gottesdienste sei verhältnismäßig?“

Seelsorge lebt von Nähe

Einige von ihnen hatten kurz und knapp entschieden: „Wir feiern in dieser Situation keine Eucharistie.“ Fronleichnamsprozessionen wurden abgesagt. Von „Geistermessen“ und einem „Retrokatholizismus“ sprachen Mitglieder der Erfurter Theologischen Fakultät. Er merke schon, daß es auf manche gespenstisch wirke, räumte der Münchner Jesuitenpater Andreas Batlogg ein: 80 Gläubige statt 800 in der Michaelskirche zwischen Marienplatz und Stachus. Menschen, die einen Mund-Nasen-Schutz tragen, und ein gummibehandschuhter Priester, der die Kommunion reicht.

Seelsorge lebt von Nähe, Corona erzwingt Distanz. Sind die Kirchen wirklich noch „systemrelevant“, wird ihr Sinnangebot noch gebraucht? Der Jesuit Batlogg drückt sich im Deutschlandfunk verhalten aus: „Natürlich ist Liturgie, Zusammenkommen, Glauben teilen ein Anliegen. Aber auf der Prioritätenliste der ersten zehn wichtigen Geschichten geht es um Grenzen, die wieder zu öffnen sind, um Gaststätten, um Sportclubs und was auch immer. Es ist auch eine Chance, einen realistischeren Blick auf Glauben und Christentum zu gewinnen. Wir sind ja längst eine Minderheit, und wir werden es immer mehr werden.“

Nicht von ungefähr zitiert Batlogg den Prager Soziologen und theologischen Denker Tomas Halik, den schon lange verschiedene Formen der Kirche an „kühle und prachtvolle Grabsteine eines toten Gottes erinnern“. Da wirkt der Optimismus des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, wie aus der Zeit gefallen. Bätzing: Die Krise könne zu einem „Glücksfall der Geschichte“ werden.

Schwerwiegender Eingriff in die Religionsfreiheit

„Wir wissen nicht, über welche zukunftsprognostischen Fähigkeiten der Limburger Oberhirte verfügt“, kommentierte kopfschüttelnd Professor Hoping. Eine geschlossene Gesellschaft lasse sich auf längere Zeit selbst bei einer Pandemie nicht rechtfertigen, schrieb er in der Tagespost (Würzburg).

„Und wenn die Experten recht haben, wird die nächste Pandemie nicht lange auf sich warten lassen. Wird die Gesellschaft, und die Kirche ist ein Teil davon, dann erneut bereit sein, die schwerwiegenden Eingriffe in die Freiheitsrechte, einschließlich der Religions- und Kultfreiheit, in Kauf zu nehmen, die wir in den letzten Wochen gesehen haben?“ Und Hoping unterließ auch nicht den Hinweis: „Selbst in Pestzeiten und in den beiden Weltkriegen hat es ein flächendeckendes Verbot öffentlicher Gottesdienste nicht gegeben.“

Das Problem wird das Kirchenvolk weiter beschäftigen, auch wenn inzwischen einige Erleichterungen eingetreten sind. Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße ist sich sicher: „Corona wird die Kirche verändern.“ Er zitiert den Religionsphilosophen Romano Guardini: „Die Kirche erwacht in den Seelen.“ Begriffe wie „Hauskirche“ und „Hausliturgie“ würden künftig wieder an Bedeutung gewinnen.

Damit dürfte Heße nicht unrecht haben. Ob das allerdings ausreicht, die Kritiker des Schweigens der Kirchen-oberen zu den staatlichen Anordnungen zu besänftigen, muß nach all dem, was an Unmut und Enttäuschung bekannt geworden ist, bezweifelt werden.

JF 23/20

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