Günther Koch im Interview: “Eine gespenstische Stille”

Foto: Sportfoto Zink
fcn.de: Sie sind Zeitzeuge des ersten Geisterspiels im deutschen Profi-Fußball. Wie blicken Sie auf diese besondere Partie zurück?

Günther Koch: Es war für mich beklemmend, herausfordernd und dennoch reizvoll und schön. Das sind Widersprüche, aber die erklären sich dadurch, dass ich einerseits entsetzt war von dieser Nacktheit und dieser gespenstischen Stille, andererseits die schöne Herausforderung hatte, ein Echtzeit-Hörspiel für den Bayerischen Rundfunk zu machen.  
fcn.de: Wie genau lief das ab?
Günther Koch: Ich musste durchkommentieren und schildern, was ich sehe. Außerhalb vom Spielfeld und außer den leeren Rängen. Ich habe mit einer Wurstverkäuferin gesprochen, mit Präsident Roth. Ein verkleideter Geist wollte mir kein Interview geben, da bin ich heute noch sauer. Es war also ein Misch-Masch der Gefühlswelt und eine große Herausforderung. Es ist schön, dass dieses Hörspiel „Geisterspiel“ noch immer im Hörspiel-Pool der ARD zu hören ist.
fcn.de: Vor der Partie hatten Sie sicherlich Vorstellungen davon, wie so ein Geisterspiel atmosphärisch werden könnte. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?
Günther Koch: Ich habe mich vor allem auf die Historie von Aachen vorbereitet, denn ich wusste, dass es gewisse Längen geben würde. Denn von der Reportage und der Schilderung der Leere alleine kannst du keine 95 Minuten füllen. Also habe ich ausführlich die Historie der Alemannia und vom Club verglichen. Auf das, was mich vor Ort erwartet, habe ich mich nicht vorbereiten wollen und können. Als Hörfunk-Reporter kann man sowas ohnehin nicht vorbereiten, das muss aus dem Bauch kommen. Das war schon sehr schön. Ich war der erste, der ein Echtzeit-Hörspiel gemacht hat, darauf bin ich auch etwas stolz.
fcn.de: Ihre heutigen Kollegen stehen nun vor einer ähnlichen Aufgabe, müssen die Spiele aber größtenteils vom Fernseher aus kommentieren. Wie ändert sich die Arbeit der Journalisten nun? Können Fernseh- und Radio-Kommentatoren und Reporter überhaupt „richtig“ vor dem Fernseher kommentieren?
Günther Koch: Ich hoffe, dass meine Kollegen vom Fernsehen, die ja sehr gut sind, das Wesentliche herausarbeiten. Die gähnende Leere, da brauchst du nichts zu sagen, das sieht man. Aber den Klang, ich will das Spiel hören, hören was der Ball sagt. Das ist die große Chance, wenn sie die Tonspur entsprechend verstärken. Das könnte ein neues Erlebnis werden. Ich würde sogar so weit gehen, dass man, sofern es technisch möglich wäre, dem Schiedsrichter und den beiden Spielführern ein kleines Mikrofon ansteckt, um zu hören, was sie alles von sich geben. Das wäre spannend.
fcn.de: Rein optisch bzw. akustisch unterscheidet sich ein Geisterspiel – abgesehen vom spielerischen Niveau und der Stadionkulisse – erst einmal nicht von einem Spiel auf dem Bolzplatz. Sehen Sie auch darin einen gewissen Reiz?
Günther Koch: Das ist genau das Groteske. Ich habe ein Leben lang selber Fußball gespielt, dabei hat mich vor allem der Klang des Balles begeistert, den man sonst nicht hört. Und hier hörst du genau, ob das jetzt ein flutschiger, ein saftiger, ein harter Schuss, ein eleganter Schlenzer oder ein verunglückter Ball war. Das sind Momente, die dich als Fußballer in der Situation mitreißen können. Da vergisst man die gähnende Leere, weil du vom Ball und seinem Klang lebst. “Geisterspiel” – die Echtzeit-Reportage von Günther Koch kannst du dir hier im ARD-Hörspiel-Pool anhören und so in die besondere Atmosphäre der Begegnung eintauchen.

In der Club-App und auf fcn.de werden alle Club-Spiele auch nach der Corona-Pause im FANRADIO live und in voller Länge übertragen!

• Weiterlesen •