120 Jahre 1. FC Nürnberg: Heißer Tanz im Flaminio

Foto: FCN-Archiv
Was für eine Hitze. Dass es in Rom warm werden kann, wusste Peter Maul. Doch so heiß hatte es „Fiddl“ nicht erwartet. „Wir sind aus dem Bus ausgestiegen und gegen eine Wand gerannt. Es war nahezu unerträglich.“ An die brutale Hitze erinnert sich auch Jörg Dittwar noch genau. Er war, wie der Rest der Mannschaft auch, mit dem Flieger in die italienische Hauptstadt gekommen. Als Reisemittel deutlich angenehmer als der Bus. Dafür litt der Oberfranke dann im Teamhotel. „Es gab keine Klimaanlage und nicht mal in der Nacht wurde es spürbar kälter.“
Doch letztlich war das allen egal. Peter „Fiddl“ Maul, Jörg Dittwar und all die anderen Franken waren heiß auf den Trip in die „Ewige Stadt“. Schließlich war Europapokal. Zum ersten Mal seit der Meisterschaft 1968 hatte sich der 1. FC Nürnberg wieder für den internationalen Wettbewerb qualifiziert.
Conti, Völler & Co.
Auf Platz fünf hatte der Club die Bundesligasaison 1987/88 beendet. Lohn: Ein Platz im Uefa-Cup-Wettbewerb. Weil Nürnberg lange in Europa keine Rolle gespielt hatte, ging es als krasser Außenseiter zur AS Rom. Dittwar: „Wir hatten zudem Stefan Reuter und Roland Grahammer an die Bayern verloren, Jörn Andersen war nach Frankfurt gewechselt. Wir waren quasi eine No-Name-Truppe und Rom war gespickt mit Nationalspielern.“
Die Roma war gerade am Ende ihres goldenen Jahrzehnts. Drei Pokalsiege hatte sie geholt, dazu den zweiten Meistertitel. Sie hatte Weltstars wie Bruno Conti, Rudi Völler, Renato oder Andrade unter Vertrag. Nur ein Stadion hatte sie an diesem 7. September 1988 gerade nicht. Weil die eigentliche Heimspielstätte für die WM 1990 schick gemacht wurde, mussten Andy Köpke und Co. im „Stadio Flaminio“ ran.
“Das war teilweise schmutzig”
Statt Platz für 72.000 Besucher gab es etwa 25.000 Plätze, der Großteil für die Gäste auf Höhe der Grasnarbe. Dittwar: „Wir waren richtig verärgert, als wir sahen, wie unsere Anhänger hinter Plexiglas eingepfercht waren.“ Maul, damals Fan, heute Fanbeauftragter beim FCN, hatte Glück: „Anders als die Zugfahrer hatten wir Karten für den normalen Teil der Tribüne. Aber hitzig war die Stimmung auch da. Ich erinnere mich, dass nach dem Spiel ein paar wütende Römer versucht haben unseren Bus zu beschädigen.“
Doch nicht nur die Fans mussten sich an einen ruppigen Umgang gewöhnen. Auch die Mannschaft traf auf einen Gegner, der offenbar die harte Gangart bevorzugte. Dittwar: „Das war teilweise schmutzig, teilweise dreckig, was die mit uns gemacht hatten.“ Vor allem Samy Sane bekam körperlich und verbal mehrere Schläge ab. „Und ausgerechnet ihm gelang das 1:0. Das hat unsere Freude noch mal vergrößert.“ Einen Flankenball von Martin Wagner hatte der Stürmer aus dem Senegal am damals noch blutjungen Angelo Peruzzi vorbei ins Tor geköpft.
“Das größte Spiel meiner Karriere”
Als Rom per Elfergeschenk zum 1:1 ausglich, schien der Traum vom Sieg am Tiber zu zerplatzen, doch Dieter Eckstein und Andy Köpke hatten etwas dagegen. Der eine schoss den Club nach einem Konter wieder in Führung, der andere zeigte, warum er für Dittwar „der beste Torhüter der Welt“ war. „Was der Köppi da alles rausgefischt hat, war beeindruckend.“
Auch 22 Jahre danach erinnert sich Dittwar noch an fast jede Kleinigkeit. Was freilich auch daran liegen mag, dass die Aufzeichnung der Partie in unregelmäßigen Abständen bei ihm über den Bildschirm flimmert. Dittwar: „Warum auch nicht. Das war schließlich das größte Spiel meiner Karriere.”
Vier Wochen warten aufs Rückspiel
Beinahe wäre Dittwar beim größten Spiel seiner Karriere freilich nur Zuschauer gewesen. „Ich war nicht besonders gut in Form in den Spielen davor. Doch bei einem Testspiel gegen Borussia Dortmund hatte mich Hermann Gerland zum Innenverteidiger umfunktioniert.“ Weil er dabei Torjäger Frank Mill komplett abgemeldet hatte, durfte er auch in Rom im Abwehrzentrum ran. Dittwar: „Dass ich im Test gegen den BVB vermutlich 100 Prozent gegeben habe und Frank Mill mit Halbgas gespielt hat, muss man ja niemandem verraten…“
Nein. Vor allem nicht, nachdem er in Rom den brasilianischen Nationalspieler Renato erfolgreich aus dem Spiel genommen hatte. Der Club gewann dieses Spiel 2:1 und durfte anshcließend vier Wochen vom Weiterkommen träumen. Vier Wochen? “Ja”, erklärt Dittwar: “Es war Pause wegen der Olympischen Spiele in Seoul. Blöd für uns, denn die Italiener nutzten die Zeit, um ihren körperlichen Rückstand aufzuholen. Sie waren viel später in die Saison gestartet als wir.”
Weniger Erinnerungen ans Rückspiel
Ans Rückspiel in Nürnberg hat Dittwar übrigens nicht mehr so viele Erinnerungen. Und das liegt weder am negativen Ausgang noch daran, dass er es sich nicht mehr ganz so häufig in der Wiederholung angesehen hatte. Dittwar: „Ich habe damals in der ersten Minute einen Ellenbogenschlag gegen den Kopf bekommen und mir eine Gehirnerschütterung zugezogen. Ab diesem Moment ist quasi nichts in meinem Gedächtnis hängen geblieben.“
Dass er nach der Pause überhaupt weiterspielen durfte, verdankte er dem Stadionsprecher. „Hermann Gerland hatte mich gefragt, was mit mir los sei und ob ich überhaupt wisse, wie es stehe. Ich hatte tatsächlich keine Ahnung, aber der Stadionsprecher hatte wenige Sekunden davor gesagt, dass wir 1:2 hinten liegen und das hatte ich mir noch merken können…“
Weil die Römer in der Verlängerung ein drittes Tor schossen, flog der Club am Ende raus. Dittwar: “Es war trotzdem ein Höhepunkt einer verrückten und tollen Zeit. Wir waren ein verschworener Haufen, und der Club für uns ein ganz besonderer Verein. Und immerhin haben wir den FCN nach 20 Jahren mal wieder international vertreten.” Und bis die Franken international wieder ein Ausrufezeichen setzen konnten, vergingen weitere 19 Jahre. Doch davon ein anderes Mal mehr…

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