Der Staatskümmerer

Heute in BAYERN

Zeit ist ein Luxus, den Florian Herrmann nur noch selten hat. Beispielsweise die Zeit, sein neues Büro in der Bayerischen Staatskanzlei persönlich einzurichten: Der CSU-Politiker adoptierte einfach einige Gemälde, die bislang in Horst Seehofers Büro hingen, schob ein paar private Bücher ins Regal, stellte zwei, drei gerahmte Familienfotos auf: fertig. An die Arbeit!

Seit 21. März 2018 ist Florian Herrmann, 46, Chef der Bayerischen Staatskanzlei und damit eine der Schlüsselfiguren im Kabinett Söder. Für das langsame Einarbeiten in die neue Position fehlte leider auch die Zeit, kaum 48 Stunden nach Amtsantritt fand schon die erste Kabinettssitzung statt, in der gleich zwei große Entscheidungen – für Bayerns neue Grenzpolizei und das Landesamt für Asyl – getroffen wurden. Inzwischen sind es bereits gut 100 konkrete Projekte, die es umzusetzen gilt; von der Staatskanzlei soll das Signal ausgehen, dass die Regierung Dinge anpackt. Eigentlich, sagt Herrmann, brauche es etwa ein Jahr, um in einem Amt voll anzukommen. Aber: „Wir haben kein Jahr.“

Es macht Spaß, in diesem kreativen, kraftvollen Umfeld mitzudenken.

StM Florian Herrmann, MdL

Unglücklich mit dem Mangel an Zeit wirkt Herrmann allerdings nicht, im Gegenteil: Söders Dynamik liegt ihm. „Es macht Spaß, in diesem kreativen, kraftvollen Umfeld mitzudenken und mitzuziehen, den Ministerpräsidenten auch zu unterstützen“, sagt er. „Das ist sehr, sehr motivierend.“

Zupackender Professoren-Sohn

Die zupackende Haltung ist womöglich auch in Florian Herrmanns Elternhaus begründet: Sein Vater ist Chemiker Wolfgang A. Herrmann, der als Präsident die TU München zur Exzellenz- und Gründeruniversität weiterentwickelt hat. Fleiß, Pünktlichkeit, Ordnung: Darauf wurde Wert gelegt im Hause Herrmann, „einen gewissen Leistungsanspruch haben wir schon vermittelt bekommen“, findet Florian Herrmann: „Faulheit wurde nicht toleriert, weder im täglichen Tun noch im geistigen Sinne.“ Sich Ziele zu setzen und diese dann auch zu verfolgen, „das war wichtig“. Vier jüngere Schwestern habe er, erzählt Herrmann noch und formuliert lächelnd: „Ich bin ganz gut sozialisiert worden.“

Was den Politiker außerdem geprägt hat, ist die katholische Kirche: Nach der Erstkommunion wird der junge Florian Ministrant, später Lektor und ehrenamtlicher Organist. „Meine Oma hätte es wohl auch gerne gesehen, wenn ich auch den letzten Schritt hinter den Altar getan hätte“, glaubt er. „Doch ich habe die dafür nötige Berufung nie gespürt.“

Stattdessen studiert Florian Herrmann Rechtswissenschaften, „weil ich ja ursprünglich in den diplomatischen Dienst wollte und Jura mir als der plausibelste Weg dahin erschien.“ Auf das Erste Staatsexamen folgt der „Masters of Law“ an der University of Pennsylvania, die Promotion, Referendariat und Zweites Staatsexamen schließen sich an. 2003 wird Herrmann Mitbegründer einer Freisinger Anwaltskanzlei, spezialisiert auf Wirtschaftsrecht.

Infiziert mit dem Polit-Virus

Dass Jura nicht nur für eine diplomatische, sondern auch für eine politische Karriere eine gute Basis sein könnte, war für Herrmann dagegen nicht ausschlaggebend. Infiziert mit dem Polit-Virus hat ihn erst ein Landratswahlkampf 1996 in Freising, bei dem er als Helfer mit an Bord war: Termine vorbereiten, Plakate kleben, Presseartikel schreiben – ausgerechnet die harte Schule eines Wahlkampfes zieht Herrmann in den Bannkreis der Politik. Als Bundeskanzler Helmut Kohl 1998 abgewählt wird und Rot-Grün das Regierungsruder übernimmt, tritt Herrmann mit einer „Jetzt erst recht“-Haltung in die CSU ein. 2002 kandidiert er selbst als Landrat in Freising, verliert allerdings. Mit Ansage, erinnert er sich, „ich war ja noch keine 30 Jahre alt.“ Die Niederlage nimmt der gebürtige Kelheimer damals mit niederbayerischer Gelassenheit hin: „Passt scho‘.“ 2008 wird er in der Nachfolge von Otto Wiesheu für den Stimmkreis Freising in den Landtag gewählt.

Als Politiker kann man etwas bewegen. Man kann sich kümmern.

Florian Herrmann, Staatskanzleichef

Nein, sagt er nun in einem Konferenzraum der Bayerischen Staatskanzlei mit Blick auf den blühenden Hofgarten: Seine politischer Werdegang sei nicht das Ergebnis eines großen Plans. Sondern eher die logische Folge einer langsam heranwachsenden Faszination von den Gestaltungsmöglichkeiten für Stadt, Landkreis, Bundesland. Für die bayerische Heimat eben, und die Leute, die darin leben. „Als Politiker“, sagt er, „kann man etwas bewegen. Man kann sich kümmern.“

Die Innenpolitik war Herrmanns Themenfeld gewesen, seit er 2008 als Landtags-Neuling in den Innen- und Rechtsausschuss gekommen und bald darauf innenpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion geworden war. „Ein Thema, das mir liegt“, sagt er dazu, weil ihm auch die Menschen in diesem Bereich liegen – Polizisten und Feuerwehrleute. Menschen eben, die anpacken. Und sich kümmern.

Ein bisschen Diplomatie

Der Ruf ins Innere der Staatskanzlei als Nachfolger von Marcel Huber indes kam auch für Herrmann selbst überraschend. Auf die Phase der Spezialisierung in der Innenpolitik folgt nun eine andere: „Die Aufgabe des Leiters der Staatskanzlei ist eher die eines Generalisten“, sagt der CSU-Mann: In allen Themenfeldern zu Hause zu sein und verbindendes Element zu werden zwischen den Ministerien und dem Ministerpräsidenten, zwischen Regierung und Landtagsfraktion, zwischen München und Berlin. Ein bisschen also doch diplomatischer Dienst, der Job eines Netzwerkers, wenn man so will. Doch Herrmann will nicht so recht, der Begriff klingt ihm zu technisch: „Ich bin sehr kommunikativ“, sagt er lieber. „Man muss in diesem Amt die Menschen mögen, und wenn die Menschen einen zurück mögen, ist schon viel erreicht.“

Lieber tiefer stapeln als am eigenen Monument feilen: Geht es um ihn selbst, wird Herrmann nahezu wortkarg. Jedes seiner Worte scheint er im Kopf erst auf Gewicht und Tragfähigkeit zu überprüfen, bevor er es ausspricht. Und fragt man nach, warum Söder ihn zum Staatskanzlei-Chef gemacht hat, winkt er sogar ganz ab: Das könne nur Söder selbst beantworten.

In der Fraktion verwurzelt

Also, Herr Ministerpräsident, warum gerade Florian Herrmann? „Wir haben die gleiche Denke, wenn es um Sicherheit und Ordnung geht, wir haben ein persönlich freundschaftliches Verhältnis, und er hat eine tiefe Verwurzelung in der Fraktion“, erklärt Söder seine Wahl. „All das begründet das enge Vertrauensverhältnis, das man für einen Leiter der Staatskanzlei braucht.“ Horcht man in die Landtagsfraktion hinein, fallen ähnlich viele positive Adjektive: Uneitel sei Florian Herrmann, hilfsbereit, rücksichtsvoll. Fleißig, zuverlässig und humorvoll. Wertkonservativ zudem, womöglich sogar spießig – „aber im guten Sinne“, wird schnell ergänzt. Alles in allem: „ein feiner Kerl“.

Bei all der Kümmerei im Dienste der Staatskanzlei ist eins allerdings endgültig vorbei: Auf der Orgelbank in verschiedenen Kirchen im Landkreis Freising, früher sein Stammplatz am Sonntagmorgen, sitzt Herrmann schon lange nicht mehr regelmäßig, „da kann ich der Kirchengemeinde nicht mehr die Zuverlässigkeit bieten, die es bräuchte.“ Zum 40. Geburtstag allerdings hat er vom Vater einen Flügel geschenkt bekommen, auf dem Florian Herrmann nun spielt. Wenn ihm die Politik die Zeit dafür lässt.

Der Beitrag Der Staatskümmerer erschien zuerst auf Bayernkurier.


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