Gedenken in der Anstalt

Kritiker nannten es „Denkmal im Hinterhof“: das 2009 eingeweihte, in der Kaserne des Verteidigungsministeriums in Berlin versteckte Ehrenmal der Bundeswehr. Nicht unpassend für eine Armee, die mit dem Motto antrat „Der Friede ist der Ernstfall“ und die sich seit Jahren widerstrebend der Realität anpaßt. An dem Bau sieht man, wie sich eine Armee, die ihre Traditionslinien abgeschnitten hat, schwertut, nach den ersten Scharmützeln plötzlich ein „Kriegerdenkmal“ errichten zu müssen.

Die Ehrenhaine, die die Truppe spontan im Einsatzland für ihre gefallenen Kameraden angelegt hat, sind da überzeugender, aber genauso vergänglich wie die Wirkung der Einsätze selbst. Und die Zweifel am Sinn dieser Opfer werden mit den Jahren wachsen und die kühne Inschrift herausfordern, „Den Toten unserer Bundeswehr – Für Frieden, Recht und Freiheit“.

„In seiner Nüchternheit“, sagte Bundespräsident Horst Köhler klischeesicher bei der Einweihung, treibe es keine „falsche Heldenverehrung“ und pflege keinen „Opferkult“. Also richtige, politisch korrekte Heldenverehrung? Oder gar keine Helden? Kein deutscher Opferkult mehr? Wohl nur für Soldaten. Wie dünn ist doch unser Phrasen-Firnis!

Das Opfer des Soldaten taucht nicht mehr auf

In der „Erinnerungskultur“, wie sie alljährlich zum Volkstrauertag inszeniert wird, ist erst recht kein Platz für die Würdigung des soldatischen Opfers. Die Inschrift in der Neuen Wache in Berlin, der zentralen Gedenkstätte, wie auch die aktuelle Formel des Totengedenkens, lautet: „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“. Die ganze Welt in ihrem Jammer wird umfaßt: „Kinder, Frauen, Männer aller Völker“. Das ist Buchstäblich ein Massengrab, vor dem wir stehen. Bei Konrad Adenauer (1956) klang das noch etwas sensibler: „Das deutsche Volk gedenkt heute in Trauer und in Liebe aller derer, die in den beiden großen Kriegen (…) ihr Leben hingegeben haben.“

Heute sind alle, Soldaten wie Zivilisten, nur noch Opfer (victima), um die getrauert wird. Das Opfer des Soldaten (sacrificium), der sein Leben für die Gemeinschaft einsetzt, und das es zu ehren gilt, taucht nicht mehr auf. Es stößt in unserer postheroischen Gesellschaft auf Unverständnis. Relikt einer Epoche, die man intellektuell und moralisch überwunden glaubt. Die sonst so geschwätzige Republik findet kein Wort des Dankes für die Millionen Söhne, Männer, Väter, Brüder, die im guten Glauben angetreten sind, „wie das Gesetz es befahl“, und die gefallen sind für unser Land – in einer Epoche, die sie sich nicht ausgesucht haben. 

„Normalität“ ist uns nicht vergönnt

Wie begehen unsere Nachbarn solche Feiertage? Auch deren Jugend drängt nicht gerade zur Fahne. Aber sie präsentieren stolz ihre lange Militärgeschichte, selbst wenn sie manchmal kräftig retuschieren müssen. Denn sie wissen: Ein Staat, der die soldatische Leistung früherer Epochen geringschätzt, wird auch die heutigen Opfer verraten, sobald der Wind dreht oder die ideologische Brille verrutscht.

Diese „Normalität“ anderer Nationen ist uns nicht vergönnt. „Die Deutschen werden die Augen vor ihrer Vergangenheit nicht verschließen können“, stellte André Glucksmann 1985 fest, „man hat ihnen die Lider abgeschnitten“. Wir sind also nicht nur eine postheroische, wir sind eine „posttraumatische“ Gesellschaft, der die Therapie verweigert wird. Die Wunden der Vergangenheit dürfen nicht verheilen, sie müssen offen bleiben. Altes statt Neues Testament.

Dies erklärt auch das Paradox, warum der Patient nicht im Laufe der Zeit „normaler“ wird. Wer unsere Debatten beobachtet, stellt kopfschüttelnd fest: „Der Widerstand gegen Hitler nimmt von Jahr zu Jahr zu in Deutschland“ (Johannes Gross). 

Wenn jemand die Mahnung der Gefallenen nach Frieden und Versöhnung mit aufgenommen und umgesetzt hat, dann war es die heute geschmähte Wehrmachtsgeneration. Sie hat längst die Deutungshoheit verloren. Aber der ehemalige Gegner, mit dem sie gemeinsam die heutige Friedensordnung geschaffen hat, ist es, der ihre soldatische Leistung würdigt – nicht die eigene Nation. Denn außerhalb der „geschlossenen Anstalt“ unserer Erinnerungskultur genießen die deutschen Soldaten beider Weltkriege nach wie vor höchstes Ansehen.

Der Blick auf die Zukunft ist getrübt

Der Staat des Grundgesetzes versteht sich in allen Facetten als „Gegenentwurf“ zum Dritten Reich. Wie die Karikatur eines Generals, der unbedingt den vergangenen Krieg wieder gewinnen will. Diese Obsession trübt nicht nur unseren Blick auf die Zukunft, die ganz neue Gefahren bereithält, sie nimmt uns auch die innere Souveränität, mit der große Nationen mit ihrer wechselvollen Geschichte – und nicht zuletzt auch mit ihren Soldaten – umgehen.

Wie aus einer anderen Welt stammt das Wort des unverdächtigen Karl Jaspers, das man an einem solchen Tag unseren Soldaten beider Kriege als bescheidenen Trost auf das Grab legen möchte:

„Das Bewußtsein soldatischer Ehre bleibt unbetroffen von allen Schulderörterungen. Wer in Kameradschaftlichkeit treu war, in Gefahr unbeirrbar, durch Mut und Sachlichkeit sich bewährt hat, der darf etwas Unantastbares in seinem Selbstbewußtsein bewahren. Dies rein Soldatische und zugleich Menschliche ist allen Völkern gemeinsam. Hier ist Bewährung nicht nur keine Schuld, sondern wo sie unbefleckt durch böse Handlungen (…) war, ein Fundament des Lebenssinnes.“
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Fritz Zwicknagl, Jahrgang 1946, Oberst a. D., war unter anderem Leiter von Generalstabslehrgängen.

JF 47 /18

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