Bumerang für linken Gratismut

In den sozialen Netzwerken macht gerade Mal wieder ein Hashtag aus der Kategorie Gratismut die Runde. Unter #UnfollowMe rufen Prominente all jene dazu auf, ihnen zu entfolgen, die „rechtes Gedankengut pflegen“. Ins Leben gerufen hat die Kampagne die Organisation „Laut gegen Nazis“.

Obgleich der WDR sie in der ARD-Mediathek als „weltweit synchronisierte Social-Media-Aktion“ bezeichnet, beteiligen sich an ihr vor allem deutsche Stars und Sternchen. In einem eigens produzierten Video treten Leute wie Smudo von den „Fantastischen Vier“, der Schauspieler Frederick Lau oder die YouTuberin Visa Vie auf und fühlen sich dabei wahnsinnig wichtig und mutig.

Warum nicht auch Kollegah und Abou Chaker?

In dem Kampagnen-Clip heißt es unter anderem: „Unfollow me, wenn Du stolz auf Deine Haß-Kommentare bist.“ Wenn zu den Gesichtern der Kampagne auch zahlreiche Rapper wie Sido oder Kool Savas gehören, denen in der Vergangenheit aufgrund ihrer expliziten Texte selbst häufig die Verbreitung von Haß vorgeworfen wurde, wirkt das schon ziemlich ironisch. Man könnte glatt sagen, dies sei an Ironie kaum zu überbieten, wenn die Latte dafür seit dem Integrations-Bambi für Bushido nicht bereits so hoch hinge.

Den Kampagnenmachern dürfte es ohnehin egal sein. „Laut gegen Nazis“ würde vermutlich auch den Rapper Kollegah (dem Antisemitismus vorgeworfen wird) oder den Abou-Chaker-Clan für sich sprechen lassen, solange sie nur genug Aufmerksamkeit und die damit verbundenen Spendengelder generieren. 2010 stand die Initiative einmal bereits kurz vor dem Aus. Durch den Rückgang von zweckgebundenen Spenden zur Kampagnen-Förderung brachen dem Betreiber, dem Hamburger Musikmanager Jörn Menge, fast 60 Prozent des Umsatzes aus dem Vorjahr weg.

Zur Rettung des Projekts rief der gewiefte und gut vernetzte PR-Mann daraufhin unter dem Slogan „Kampf gegen Rechts – und die Pleite“ die Aktion „Hamburg und alle stehen auf!“ ins Leben. Das Ganze gipfelte in einer Großkundgebung im September 2011. Schon damals mit der tatkräftigen Unterstützung vieler prominenter Freunde und Kollegen Menges. Die Rettung gelang. Seitdem tut der Musikmanager mit seiner Agentur „Make A Noise“ alles, damit er und „Laut gegen Nazis“ nicht in Vergessenheit geraten. Aber auch davor schon war Menge mit seinem Projekt immer ganz nah dran an der jungen Zielgruppe.

Gut geölte Marketing-Maschine

„Laut gegen Nazis“ ist eine gut geölte Marketing-Maschine. Was wäre da eine bessere Werbung, als eine „Virtue Signalling“ -Kampagne wie #UnfollowMe. Eine Aktion, bei der gratismutige oder auch einfach nur sehr naive Promis die Werbetrommel für einen rühren? Große Unternehmen wie Nike, Katjes oder Rewe haben es vorgemacht. Gut platzierte Tugendprotzerei läßt einen menschlich und sympathisch wirken und bringt maximale mediale Aufmerksamkeit, ohne daß man dafür eine einzige Werbeanzeige schalten muß.

Obgleich man sich mit #UnfollowMe auf der richtigen und vor allem sicheren Seite wähnt, ist das öffentliche Echo nicht so positiv wie es die Macher der Kampagne vermutlich erwartet haben. In den sozialen Medien hagelt es Kritik und auch in einigen Redaktionen hat mittlerweile offenbar ein erstes Umdenken eingesetzt, wenn es um die totale Abschottung vor anderen Meinungen geht.

Dies zeigten in der jüngsten Vergangenheit auch schon die Kommentare zum Umgang mit konservativen Verlagen innerhalb des Literaturbetriebs. „Laut gegen Nazis“ und ihre „UnfollowMe“-Kampagne wurden von dieser Entwicklung hin zu mehr echter Toleranz denkbar kalt erwischt. Selbst Bento nennt den Hashtag zur totalen Diskursverweigerung „eine richtig schlechte Idee“ und sogar Micky Beisenherz, der sich selbst an der Aktion beteiligte, gab sich im Nachhinein in seiner Kolumne für den Stern deutlich differenzierter.

Weg hin zu mehr Dialogbereitschaft

Bis dieses Umdenken bei all den Gut- und Bessermenschen angekommen ist, die Freundschaft mit gleicher Gesinnung verwechseln, beziehungsweise Kontraktbruch für ein Argument halten, wird es wohl noch eine ganze Weile dauern. Die Entwicklung zu einer neuaufgeblühten Dialogbereitschaft, in der Argumente wieder mehr zählen als künstliche Empörung, scheint aber weiter voranzuschreiten.

Wenn auch in sehr kleinen Schritten und unterbrochen von zahlreichen Rückschlägen. Im Sinne derer, für die Kritik und offener Widerspruch in erster Linie geschäftsschädigend sind, dürfte diese Diskurserweiterung freilich nicht sein. Mit der Aktion „Unfollow Me“ haben sie dennoch ungewollt ihren Beitrag dazu geleistet.

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